Flaschenpost Nr. 2
Juni 2001                   Jahrgang 6

 

Sara   -  Abraham 

Wenn man in den Niederlanden „50“ wird, bekommt man zu seinen Geburtstag eine Puppe. Die Männer kriegen einen „Abraham“, die Frauen eine „Sara“, wie die Ureltern vom jüdischen Volk hießen.
Mit „50“ hat man schon ein gewisses Alter erreicht, aber nicht jeder freut sich darüber! Bei den Herren offenbart sich das oft mittels der „Midlifekrise“, sie suchen dann oft mal eine neue Herausforderung, oder wollen ihre Männlichkeit noch mal beweisen, die Damen haben dann oft andere Probleme.
50 Jahre bedeutet aber eine gewisse Lebenserfahrung und Weisheit. Man hat natürlich vieles erlebt und man ist in der Lage, verschiedene Sachen von einander zu trennen. Bei uns gibt es ein Sprichwort, wenn man über jemanden redet, der besonders schlau ist: „Der weiß, wo Abraham den Senf her hat.“ 

Als die Mutter unserer Matrosin 50 Jahre wurde, wollte sie unbedingt keine Feier! Sie mochte nicht mit ihrem Alter konfrontiert werden. Wer sich benimmt wie ein Strauß, muss damit rechnen, dass irgendwelche Maßnahmen getroffen werden. Als ihr Geburtstag da war, passierte nichts . . Die eine Hälfte der Verwandtschaft war in Urlaub, die andere hatte keine Zeit. Und sie schöpfte keinen Verdacht! Als einer ihrer Kinder sie dann Monate später, als die Urlaubszeit vorbei war, zu einer Kaffeefahrt mitnahm, ahnte sie noch immer nichts.! Als dann bei einer Gelegenheit angehalten wurde zum Kaffee- trinken, sah sie einen Ehrenbogen und sagte: „Schau mal an, da feiert einer Geburtstag, den 50. sogar, weil da steht eine Sara!“ Und sie schöpfte noch immer keinen Verdacht!! Als sie dann eingetreten waren, grinsten sie die Gesichter ihrer Familienangehörigen an, samt der ganzen Verwandtschaft! Und da hat sie erst gemerkt, dass die ganze Feier für sie angerichtet war. Amüsiert hat sie sich trotzdem, aber der Gedanke hat ihr am Anfang nicht gefallen.
Auf dem Schiff ist es immer schwierig, heimlich etwas zu organisieren. Als es bei mir so weit war, wusste ich schon, dass man an irgendetwas bastelte. Dann war meine Frau mal hiermit beschäftigt, dann hatte sie etwas anderes zu tun, dann war sie zur Post; naja, ich wollte mich einfach überraschen lassen.
An meinem Geburtstag haben wir dann mit unserem Schiff in Zwijndrecht gelegen, wo auch meine Schwiegermutter wohnt. Und da bekam ich Post. Alles Geburtstagkarten, von sehr vielen Bekannten aus Holland, Belgien, Deutschland, England, Österreich und Ungarn. Naja, einen ganzen Schuhkarton voll, über 150 Stück. Da es an Bord fast unmöglich ist, eine Feier mit vielen Leuten zu organisieren, weil man nie zuvor weiß, wo sich das Schiff befinden wird, wurde diese Party einfach postalisch gefeiert!
Und natürlich bekam ich meinen Abraham. Ihm wurde ein Arbeitsanzug angezogen, und sitzend auf dem Ruderboot ist er von Holland aus mitgefahren bis Bamberg als 4. Mann! Zufällig hatten wir diese Reise noch einen Schubleichter dabei und dazu braucht man ja diesen Extra-Kerl!

Unterwegs wurden wir von vielen Leuten angesprochen, wozu wir den Extra-Mann an Bord hätten. Ein holländischer Kollege hat mich gefragt: „Hast Du diesen Leichter zum Geburtstag bekommen?“
In Bamberg hat mich der Hafenmeister auch noch befragt. Die Geschichte gefiel ihm, ein paar Stunden später kam ein Zeitungsreporter und am nächsten Tag war Abraham in der Bamberger Zeitung!
So kommt vielleicht ein holländischer Brauch auch in Bayern zu Recht.

Als die MS „JENNY“ vor kurzem bei uns in der Schleuse Kachlet gelegen hat und der Albrecht sich eine Zeitung an Land holte, erzählte seine Frau: „Ja, und morgen wird der Albrecht 50!“. In Sekunden war die Puppe von einem auf das andere Schiff umgezogen, und am nächsten Morgen hatte auch er sein

„Zeichen der Weisheit!“

Dass er und seine Frau noch lange davon genießen mögen! 

Abraham Mannak, alias Martin Mannak, „JANNY-JANNY M”

 


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