Flaschenpost Nr. 3
September 2001            Jahrgang 6


Bericht von einer Vorort-Recherche über die Binnenschifffahrt

von Gabi Schindler aus Bremen

 

Schleusenmeister Hubert lässt sein Fernglas sinken: „Da kommt die JENNY“, sagt er und löst bei mir hektische Betriebsamkeit aus. Schreibzeug und Fotoapparat muss ich verstauen, meinen Schiffsproviant, den ich im Kühlschrank der Schleuse zwischenlagern durfte, einpacken und meine Siebensachen an den Rand der Schleusenkammer tragen, wo ich an Bord gehen kann und von Karin Scheubner in Empfang genommen werde.

 

Ich bin Journalistin in der Ausbildung und habe als Thema für meine Abschlussarbeit eine Reportage über das Leben von Binnenschifferfamilien gewählt. Für die Recherche beabsichtigte ich, Ende Juli für einige Tage auf einem Binnenschiff mitzufahren. Im Internet stieß ich auf die FLASCHENPOST und die MS „JENNY“ und schickte eine E-Mail an Karin und Albrecht Scheubner: „Würden Sie mich für einige Tage auf der MS „JENNY“ mitnehmen bzw. können Sie mir einen Tipp geben, an wen ich weitere Anfragen richten kann?“ Postwendend – in diesem Fall „mail-wendend“ – kam die Antwort: die Gästewohnung ist frei, ich darf kommen. Morgens und abends soll ich mich selbst verpflegen, Mittagessen und Kaffeetrinken kann ich bei den Scheubners. Begeistert sage ich zu.

 

Meine Kolleginnen aus dem Fachzeitschriftenredakteurskurs, den ich in Hamburg besuche, beneiden mich um meine Themenidee. Kann ich doch bei dieser Recherche das Nützliche auf angenehme Weise mit einer kleinen Reise verbinden. Die „JENNY“ ist mit Raps auf dem Weg von Budapest nach Antwerpen. Es bietet sich an, an der Schleuse Offenbach zuzusteigen und bis Antwerpen mitzufahren.

Da ich aus Bremen mit der Bahn anreise, plane ich genügend zeitlichen Puffer ein, um auch bei einer Verspätung des Zuges rechtzeitig am Treffpunkt zu sein, denn ein Schiff kann in der Schleuse bekanntlich nicht warten. Aber die Bahn ist pünktlich und so habe ich Zeit, mir den Schleusenbetrieb vor Ort und aus erster Hand erklären zu lassen. Als angehende Journalistin

packe ich sofort meinen Schreibblock aus, um mir Notizen zu machen. Die Schleusenmeister beantworten nicht nur geduldig meine Fragen, sondern leihen mir auch ihr Dienstfahrrad, mit dem ich losfahre, um Verpflegung für die Zeit an Bord einzukaufen.

„Seeluft macht hungrig“, sagt man bei uns zu Hause. Das Gleiche gilt anscheinend auch für den frischen Fahrtwind, der mir am ersten Tag meiner Reise um die Nase weht. Über mangelnden Appetit kann ich nicht klagen. Schon am Vormittag verdrücke ich zwei Marmeladenbrote, eine Banane, einen Joghurt, eine halbe Tafel Schokolade, ein Käsebrot, einen Apfel. Aber vor allem genieße ich diese wunderschöne, von Burgen und Weinbergen gesäumte Rheinstrecke zwischen Bingen und Koblenz, die ich schon oft mit dem Zug und einmal mit dem Motorrad gefahren bin. Endlich sehe ich alles aus der wasserseitigen Perspektive. Dann ist es auch schon Zeit fürs Mittagessen. Karin Scheubner hat lecker gekocht: es gibt Hähnchenschenkel und verschiedene Salate. Wir essen in der Sitzecke neben dem Steuerhaus. Ein kräftiger Wind weht uns die Salatstreifen von der Gabel. Beim nachmittäglichen Kaffeetrinken bilden wir mit den Händen einen Windschutz um unsere Teller mit selbstgebackenem Pflaumenkuchen, damit die Sprühsahne sich nicht in alle Richtungen verteilt und hübsche Muster auf unsere T-Shirts malt. Abends gegen halb zehn erreichen wir Duisburg, den größten Binnenhafen der Welt. Hier im Stadtteil Ruhrort wurden die Schimanski-Krimis mit Götz George gedreht. Wir liegen in zweiter Reihe. Wenn wir an Land gehen wollen, müssen wir das Schiff der Kollegen überqueren. Wollen wir aber nicht; wir sitzen in der Sitzecke neben dem Steuerhaus und unterhalten uns bei Radler und Kartoffelchips. Aber die Nachbarn klettern in Badezeug und mit einer kleinen Leiter ausgerüstet auf die JENNY und haken die Leiter an der Außenseite des Schiffes ein, um so zu einem abendlichen Bad ins Hafenbecken zu steigen
.

Fortsetzung folgt in der FLASCHENPOST Nr. 4/2001.
 




 


   Seite zurück

- 10 und 11 -


Seite vor     

Inhaltsverzeichnis