Bericht von einer Vorort-Recherche über die
Binnenschifffahrt
von Gabi Schindler
aus Bremen
Schleusenmeister Hubert lässt sein Fernglas sinken:
„Da kommt die JENNY“, sagt er und löst bei mir
hektische Betriebsamkeit aus. Schreibzeug und
Fotoapparat muss ich verstauen, meinen
Schiffsproviant, den ich im Kühlschrank der Schleuse
zwischenlagern durfte, einpacken und meine
Siebensachen an den Rand der Schleusenkammer tragen,
wo ich an Bord gehen kann und von Karin Scheubner in
Empfang genommen werde.
Ich bin Journalistin in der Ausbildung und habe als
Thema für meine Abschlussarbeit eine Reportage über
das Leben von Binnenschifferfamilien gewählt. Für
die Recherche beabsichtigte ich, Ende Juli für
einige Tage auf einem Binnenschiff mitzufahren. Im
Internet stieß ich auf die FLASCHENPOST und die MS
„JENNY“ und schickte eine E-Mail an Karin und
Albrecht Scheubner: „Würden Sie mich für einige Tage
auf der MS „JENNY“ mitnehmen bzw. können Sie mir
einen Tipp geben, an wen ich weitere Anfragen
richten kann?“ Postwendend – in diesem Fall „mail-wendend“
– kam die Antwort: die Gästewohnung ist frei, ich
darf kommen. Morgens und abends soll ich mich selbst
verpflegen, Mittagessen und Kaffeetrinken kann ich
bei den Scheubners. Begeistert sage ich zu.
Meine Kolleginnen aus dem
Fachzeitschriftenredakteurskurs, den ich in Hamburg
besuche, beneiden mich um meine Themenidee. Kann ich
doch bei dieser Recherche das Nützliche auf
angenehme Weise mit einer kleinen Reise verbinden.
Die „JENNY“ ist mit Raps auf dem Weg von Budapest
nach Antwerpen. Es bietet sich an, an der Schleuse
Offenbach zuzusteigen und bis Antwerpen mitzufahren.
Da ich aus Bremen mit der Bahn anreise, plane ich
genügend zeitlichen Puffer ein, um auch bei einer
Verspätung des Zuges rechtzeitig am Treffpunkt zu
sein, denn ein Schiff kann in der Schleuse
bekanntlich nicht warten. Aber die Bahn ist
pünktlich und so habe ich Zeit, mir den
Schleusenbetrieb vor Ort und aus erster Hand
erklären zu lassen. Als angehende Journalistin
packe ich sofort meinen
Schreibblock aus, um mir Notizen zu machen. Die
Schleusenmeister beantworten nicht nur geduldig
meine Fragen, sondern leihen mir auch ihr
Dienstfahrrad, mit dem ich losfahre, um Verpflegung
für die Zeit an Bord einzukaufen.
„Seeluft macht hungrig“, sagt man bei uns zu Hause.
Das Gleiche gilt anscheinend auch für den frischen
Fahrtwind, der mir am ersten Tag meiner Reise um die
Nase weht. Über mangelnden Appetit kann ich nicht
klagen. Schon am Vormittag verdrücke ich zwei
Marmeladenbrote, eine Banane, einen Joghurt, eine
halbe Tafel Schokolade, ein Käsebrot, einen Apfel.
Aber vor allem genieße ich diese wunderschöne, von
Burgen und Weinbergen gesäumte Rheinstrecke zwischen
Bingen und Koblenz, die ich schon oft mit dem Zug
und einmal mit dem Motorrad gefahren bin. Endlich
sehe ich alles aus der wasserseitigen Perspektive.
Dann ist es auch schon Zeit fürs Mittagessen. Karin
Scheubner hat lecker gekocht: es gibt
Hähnchenschenkel und verschiedene Salate. Wir essen
in der Sitzecke neben dem Steuerhaus. Ein kräftiger
Wind weht uns die Salatstreifen von der Gabel. Beim
nachmittäglichen Kaffeetrinken bilden wir mit den
Händen einen Windschutz um unsere Teller mit
selbstgebackenem Pflaumenkuchen, damit die
Sprühsahne sich nicht in alle Richtungen verteilt
und hübsche Muster auf unsere T-Shirts malt. Abends
gegen halb zehn erreichen wir Duisburg, den größten
Binnenhafen der Welt. Hier im Stadtteil Ruhrort
wurden die Schimanski-Krimis mit Götz George
gedreht. Wir liegen in zweiter Reihe. Wenn wir an
Land gehen wollen, müssen wir das Schiff der
Kollegen überqueren. Wollen wir aber nicht; wir
sitzen in der Sitzecke neben dem Steuerhaus und
unterhalten uns bei Radler und Kartoffelchips. Aber
die Nachbarn klettern in Badezeug und mit einer
kleinen Leiter ausgerüstet auf die JENNY und haken
die Leiter an der Außenseite des Schiffes ein, um so
zu einem abendlichen Bad ins Hafenbecken zu steigen.
Fortsetzung folgt in der FLASCHENPOST Nr. 4/2001.
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