Flaschenpost Nr. 3
September 2001            Jahrgang 6

Die Schleuse – das Schiff – der Schiffer
 
Die Schleuse: eine technische Meisterleistung, die viele fasziniert !
Das Schiff:     wer wollte nicht schon als Kind Kapitän auf einem   großen Dampfer werden?
Der Schiffer: Abenteurer? – ein unbekanntes Wesen!


Besonders an Wochenenden und in den Ferien fällt mir auf, dass  Schleusen von Menschen, speziell von  Familien mit Kindern, gut besucht werden. Jeder beobachtet fasziniert, wie ein Schiff in die Schleuse einfährt, schleust und dann ausfährt.

Bisher war es immer so gewesen, dass die Besucher zur Schleusenkammer liefen, uns ansprachen und wissen wollten, wo wir herkämen, was wir geladen hätten und wo die Reise denn hinginge. Wir haben immer gern Auskunft gegeben, konnten wir doch gleich ein bisschen Reklame für einen Verkehrsträger machen, der bei der Landbevölkerung wenig bekannt ist. Wenn wir dann erzählt haben, dass unser Schiff soviel wie 92 LKWs laden könne, war die Neugierde der Leute kaum noch zu bremsen. „Wieso erfährt man so wenig über Euch; wissen die Politiker von Eurer Leistungsfähigkeit; warum wird so wenig für die Schifffahrt getan?
Die Leute fragten uns oft ein Loch in den Bauch, und wenn es passte, boten wir ihnen an, ein Stück oder eine Haltung mitzufahren. Manche waren ein bisschen misstrauisch: Auf einem Schiff mitfahren? Die Schiffer sind doch irgendwie unbekannte Wesen, ziehen von Ort zu Ort. „Habt Ihr überhaupt einen festen Wohnsitz? Wascht Ihr Euch mit Flusswasser und habt Ihr eigentlich eine Toilette an Bord?“ Diese Fragen haben uns auf der einen Seite belustigt, auf der anderen Seite aber auch wütend gemacht. Wieso wissen die Leute an Land so wenig über Menschen, die einen traditionellen Beruf haben, auf dem umweltfreundlichsten Verkehrsträger arbeiten,  und eigentlich in aller Munde sein müssten?

Trotzdem hat uns das nie entmutigt, im Gegenteil! In all unseren bisherigen Berufsjahren konnten wir so  immer gute Öffentlichkeitsarbeit leisten, die zudem keinen Pfennig gekostet hat! Waren Kinder dabei, schenkten wir ihnen einen Bischi, einen Schiffsanstecker, oder ein Käppi der „Arbeitsgemeinschaft der deutschen Binnenschifffahrt“  und sie durften sich im Steuerhaus mal auf den Stuhl des Kapitäns setzen;  für sie war es ein einmaliges Erlebnis! Darüber wurde dann im Kindergarten oder in der Schule berichtet und voller Stolz die kleinen Geschenke gezeigt.

Die Eltern waren von der Leistungsfähigkeit der Binnenschifffahrt beeindruckt und versprachen, sich im Familien- und Freundeskreis für uns stark zu machen.  

Diese Zeiten sind nun vorbei!
Seit 1 – 2 Jahren wird  auf dem Main und dem Main-Donau-Kanal so gut wie jede Schleuse eingezäunt. Nun stehen die Schleusenbesucher in respektvoller Entfernung hinter einem Zaun, recken ihre Hälse, deuten, Väter heben  Kinder auf ihre Schultern und sehen Schifffahrt nur noch aus der Ferne! Wir Schiffer fühlen uns wie in einem großzügig angelegten, eingezäunten  Gehege. Wir dürfen nach wie vor bestaunt werden, aber bitte aus einer sicheren Entfernung; uns auf keinem Fall zu nahe kommen! Vielleicht wird man, aufgrund der leeren Kassen der Verwaltungen, auch noch auf die Idee kommen, dafür Eintritt zu verlangen, so wie im Zoo!  Natürlich wissen wir, dass wir eine vom Aussterben bedrohte Spezies sind, unter Artenschutz fallen und deshalb geschützt werden müssen. Aber doch bitte nicht vor Menschen, die etwas über Schifffahrt und Schiffer wissen wollen! Nun gehen wir wieder Schritt für Schritt zurück. Sollte es eventuell doch jemandem gelingen, bis zum Schiff vorzudringen, dann wird er uns  wie früher fragen, ob wir unsere Kinder zur Schule schicken, ob wir telefonieren können, ob und wie wir uns waschen, usw.


Die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung hat argumentiert: Aus Sicherheitsgründen sei die Umzäunung der Schleusen notwendig geworden. Nur da, wo die Umzäunung auf Widerstand der Kommunen stößt (z.B. Würzburg), oder es ganz und gar nicht ins Landschaftsbild passt, geht es auch ohne, lediglich mit einem Hinweisschild „unbefugtes Betreten ...“

Karin Scheubner, MS „JENNY“

 


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