Flaschenpost Nr. 4
Dezember 2001             Jahrgang 6

Fröhliche   

 Herr Neureich war ein steinreicher Mann und wollte seinen Kindern zu Weihnachten eine große Freude bereiten. Deshalb rief er beim Studentenwerk an, weil´s dort billiger war,  und bestellte einen Weihnachtsmann. Dieser koste DM 25.--, hieß es, die Kostüme brächten die Studenten mit, die Geschenke müsste der Hausherr natürlich selbst stellen.  „Ist doch klar“, sagte Herr Neureich, gab die Adresse seiner Villa in Deggendorf an und bestellte einen Weihnachtsmann für 24. Dezember 18.00 Uhr. Die Kinder seien noch klein und könnten nicht allzu lange auf die Bescherung warten. Der bestellte Weihnachtsmann kam pünktlich; ein Student mit schwarzem Vollbart, unter dem Arm trug er ein Paket. „Wollen Sie so auftreten?“ fragte Herr Neureich. „Nein“ war die Antwort, „da kommt natürlich noch ein weißer Bart drüber. Kann ich mich hier irgendwo umziehen?“ Er wurde in die Küche geschickt. „Da stehen aber leckere Sachen“, sagte er und deutete auf die kalten Platten, die auf dem Küchentisch standen. „Nach der Bescherung, wenn die Kinder im Bett sind, wollen noch Geschäftsfreunde meines Mannes vorbeischauen“, erwiderte die Hausfrau, „ deshalb eilt es etwas. Können Sie gleich anfangen?“ Der Student war schnell umgezogen. „Und nun zu den Geschenken“, sagte Herr Neureich, „ diese Sachen sind für den Jungen, Thomas“, er zeigte auf ein Fahrrad und andere Spielsachen „und das bekommt Petra, unsere Tochter; die Puppe da drüben und alles andere. Der Name steht drauf, da wird nichts schief gehen. Und hier ist noch ein Zettel, auf dem ein paar Unarten der Kinder draufstehen. Reden Sie ihnen ruhig mal ins Gewissen, aber keine Angst machen; es genügt, wenn Sie mit der Rute drohen. Und alles möglichst rasch bitte, wir erwarten nämlich noch Besuch!“ Der Weihnachtsmann nickte und packte die Geschenke in den Sack. „Rufen Sie die Kinder schon mal ins Wohnzimmer. Ich komme gleich. Kann ich noch kurz jemanden anrufen?“ Nach einigen Minuten war dann alles soweit. Mit dem schweren Sack auf dem Rücken ging der Student Richtung Wohnzimmer; er sah den brennenden Baum, die erwartungsvollen Kinder, die feierlichen Eltern. „Guten Tag, liebe Kinder. Ihr seid also Thomas und Petra. Ihr wisst sicher, wer ich bin, oder?“ „Der Weihnachtsmann“, sagte Thomas etwas ängstlich. „Richtig, und ich komme zu Euch, weil heute Weihnachten ist. Doch bevor ich nachschaue, was ich alles in meinem Sack habe, wollen wir erst ein Weihnachtslied singen. Kennt Ihr „Stille Nacht, heilige Nacht ? Also gut, dann singen wir!“ Er begann mit kräftiger Stimme zu singen, doch mitten im Lied brach er ab. „Aber, aber, die Eltern singen ja gar nicht mit! Jetzt fangen wir nochmals von vorne an. Oder haben wir den Text nicht gelernt? Wie geht denn das Lied, Herr Neureich?“ Herr Neureich blickte den Weihnachtsmann befremdet an. „Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einer wacht“ Der Weihnachtsmann klopfte mit der Rute auf den Tisch. „Einsam wacht! – Weiter! – Nur das traute...“ „Nur das traute hochheilige Paar“, sagte Frau Neureich betreten und leise fügte sie hinzu „Holder Knabe im lockigen Haar.“ „Vorsagen gilt nicht!“ sagte der Weihnachtsmann barsch und hob die Rute. „Wie geht es weiter?“ „Holder Knabe im lockigen“ „Im lockigen Was?“„Ich weiß nicht“, sagte Herr Neureich. „Aber was soll das? Sie sind hier um  .....“ Seine Frau stieß ihm in die Seite und als er die erstaunten Blicke seiner Kinder sah, verstummte er. „Holder Knabe im lockigen Haar“ sagte der Weihnachtsmann. „Schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh. Das nächste Mal lernen wir das besser. Und jetzt singen wir noch alle einmal zusammen. Gut Kinder – Eure Eltern können sich an Euch ein Beispiel nehmen! So, und jetzt geht´s an die Bescherung. Halt, da ist ja noch ein Zettel! – Stimmt es Thomas, dass Du in der Schule oft ungehorsam bist und den Lehrern widersprichst?“ „Ja“, sagte Thomas kleinlaut. „Gut so“, sagte der Weihnachtsmann, „ nur dumme Kinder glauben alles, was ihnen die Lehrer erzählen. Brav Thomas!“ Herr Neureich sah den Studenten beunruhigt an. „Aber ...“, begann er, „Sei doch still!“ sagte seine Frau. „Wollten Sie etwas sagen?“ fragte der Weihnachtsmann Herrn Neureich. „Nein“ “Nein, lieber Weihnachtsmann, heißt das immer noch! So, Petra! Du sollst manchmal bei Tisch reden, auch wenn Du nicht gefragt wirst; stimmt das?“ Petra nickte. „Gut so! Wer immer nur redet, wenn er gefragt wird, bringt´s im Leben zu nichts. Und da ihr so brave Kinder seid, bekommt Ihr nun Eure Geschenke!“ Er packte die Sachen aus, überreichte sie den Kindern und machte dabei kleine Scherze. Die Kinder bedankten sich und lachten; sie mochten ihn offensichtlich.  „So, jetzt bedankt Euch mal ordentlich beim Weihnachtsmann!“ rief Herr Neureich seinen Kindern zu. „Er muss nämlich noch viele, viele Kinder besuchen, deswegen will er jetzt leider gehen.“ Thomas schaute den Weihnachtmann enttäuscht an, da klingelte es. „Sind das schon die Gäste?“ fragte die Hausfrau. Sie ging zur Türe, öffnete und ein Mann mit roter Kapuze und rotem Mantel

 Weihnachten!

und langem, weißen Bart, trat ein. „Ich bin Knecht Ruprecht“, sagte er mit tiefer Stimme, während Herr Neureich im Wohnzimmer noch einmal behauptete, der Weihnachtsmann müsse nun dringend gehen.  „Da ist ja mein Freund Knecht Ruprecht!“ „So ist es! Von draus vom Walde komm ich her!“ „Wundert Euch nicht“, sagte der Weihnachtsmann zu den Kindern. „Ich könnte nie alle Kinder auf der Welt bescheren. Deshalb habe ich Freunde: den Knecht Ruprecht, den heiligen Nikolaus und noch viele andere...“ Es klingelte wieder. Die Hausfrau schaute ihren Mann an, der so verwirrt war, dass er nur mit dem Kopf nickte. Vor der Tür stand ein dritter Weihnachtsmann. „Puh“, sagte er, „hier ist es beinah genau so kalt wie am Nordpol!“ Mit diesen Worten betrat er das Wohnzimmer. „Ich bin Sankt Nikolaus und freue mich, wenn ich brave Kinder sehe. Das sind sie doch, oder?“ „Sie sind sehr brav“, sagte der Weihnachtsmann, „nur die Eltern gehorchen nicht immer.“ „Verschwinden Sie!“ flüsterte Herr Neureich in das Ohr des Studenten. „Sagen Sie es doch so laut, dass Ihre Kinder es auch hören können!“ „Ihr gehört jetzt ins Bett“ sagte Herr Neureich. „Nein“, brüllten die Kinder und klammerten sich an den Mantel des Weihnachtsmannes. „Wir haben Hunger“ sagte Sankt Nikolaus. Die Frau holte ein Tablett. Herr Neureich stellte sich dazwischen. „Lassen Sie die Hände von unserem Essen!“ „Thomas!“ rief Knecht Ruprecht und schon kam der kleine Thomas auf seinem Rad angestrampelt. Erwartungsvoll blickte er seinen Vater und den Weihnachtsmann an. „Mein Gott, mein Gott!“ sagte Herr Neureich. In diesem Moment klingelte es. „Das werden die Gäste sein.“ „Und wenn sie es nicht sind?“ „Dann hole ich die Polizei!“ Herr Neureich öffnete. Ein junger Mann trat ein. Auch er hatte einen Wattebart im Gesicht, trug jedoch keinen roten Mantel, sondern einen weißen Umhang, an dem er zwei Flügel aus Pappe befestigt hatte. Die Kinder, der Weihnachtsmann, Knecht Ruprecht, Sankt Nikolaus, das Ehepaar Neureich, alle schauten auf den neuen Gast. „Ich bin der Engel Gabriel. Ich schaue, ob auch alle Kinder artig sind. Ich bin der Engel, der den Hirten damals das Jesuskind angekündigt hat. Ihr kennt doch die Geschichte?“ „Was soll denn der Unfug?“  fragte Herr Neureich mit zittriger Stimme. „Sie werden jetzt alle schleunigst verschwinden!“ „Schmeißen Sie uns doch raus!“ sagte der Weihnachtsmann und zeigte ins Wohnzimmer. Dort saß der Engel, aß von den belegten Brötchen und erzählte Thomas davon, wie es im Himmel aussah. Die Weihnachtsmänner brachten Petra das Lied bei: „Nun danket alle Gott, die Schule ist bankrott!“  „Wie viel verlangen Sie?“ fragte Herr Neureich. „Wofür?“ „Dass Sie verschwinden. Ich erwarte Gäste. Das wissen Sie doch!“ „Ja, das könnte für Sie peinlich werden. Wie viel ist Ihnen die Sache denn wert?“ „Hundert Mark“, sagte der Hausherr.  Der Weihnachtsmann lachte und ging ins Wohnzimmer. „Petra und Thomas, holt mal Eure Eltern. Engel Gabriel will uns noch eine Geschichte erzählen!“ Die Kinder liefen auf ihre Eltern zu. „Kommt, der Engel Gabriel will uns noch eine Weihnachtsgeschichte erzählen!“ „Halt mir die Kinder etwas vom Leibe“ flüsterte Herr Neureich seiner Frau ins Ohr, „Ich ruf jetzt die Polizei!“ „Kommt doch,“ riefen die Kinder, während der Hausherr den Hörer abnahm und wählte. Die Kinder kamen neugierig näher. „Hier Neureich“, flüsterte er, „Neureich, Deggendorf. Schicken Sie mir ein Überfallkommando!“ „Sprechen Sie bitte lauter“ sagte der Polizeibeamte. „Ich kann nicht lauter sprechen, wegen der Kinder. Bei mir zu Haus sind drei Weihnachtsmänner und ein Engel, und die gehen nicht weg!“ „Was ist mit den Weihnachtsmännern?“ fragte der Beamte, doch Herr Neureich konnte nicht antworten wegen der Kinder. „Fröhliche Weihnachten !“ lachte der Beamte und legte auf. Da wurde Herrn Neureich seine verzweifelte Lage klar! „Komm, Papi, Engel Gabriel will anfangen!“ „Zweihundertfünfzig“ sagte er leise zum Weihnachtsmann, der auf der Couch saß. „Pst“, antwortete der und zeigte auf den Engel, der fortfuhr: „Es begab sich aber zu der Zeit,“ „Dreihundert“ Der Engel erzählte weiter .. „Vierhundert“ Der Weihnachtsmann nickte. „So, liebe Kinder, wir müssen jetzt leider gehen“, sagte er, „Seid hübsch brav, widersprecht Euren Lehrern wo es geht, haltet die Augen offen, und redet, ohne gefragt zu werden. Versprecht Ihr mir das?“ Die Kinder versprachen es und nacheinander verließen der Weihnachtsmann, Knecht Ruprecht, Sankt Nikolaus und der Engel Gabriel die Villa. „Ich fand es nicht richtig, dass Du Geld genommen hast!“ sagte Knecht Ruprecht. „Wieso nicht? So reiche Leute sollen ruhig etwas dafür bezahlen! In einer Gesellschaft, deren Losung „Hast-du-was,-bist-du-was“ heißt, kann auch ein Weihnachtsmann nicht sauber bleiben!  Wir werden für das Geld Geschenke kaufen und an arme Familien verteilen!“
 

(gekürzt von K.Scheubner, „JENNY“)

 

 

 


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