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Fröhliche
Herr Neureich war ein steinreicher Mann und
wollte seinen Kindern zu Weihnachten eine
große Freude bereiten. Deshalb rief er beim
Studentenwerk an, weil´s dort billiger war,
und bestellte einen Weihnachtsmann. Dieser
koste DM 25.--, hieß es, die Kostüme brächten
die Studenten mit, die Geschenke müsste der
Hausherr natürlich selbst stellen. „Ist doch
klar“, sagte Herr Neureich, gab die Adresse
seiner Villa in Deggendorf an und bestellte
einen Weihnachtsmann für 24. Dezember 18.00
Uhr. Die Kinder seien noch klein und könnten
nicht allzu lange auf die Bescherung warten.
Der bestellte Weihnachtsmann kam pünktlich;
ein Student mit schwarzem Vollbart, unter dem
Arm trug er ein Paket. „Wollen Sie so
auftreten?“ fragte Herr Neureich. „Nein“ war
die Antwort, „da kommt natürlich noch ein
weißer Bart drüber. Kann ich mich hier
irgendwo umziehen?“ Er wurde in die Küche
geschickt. „Da stehen aber leckere Sachen“,
sagte er und deutete auf die kalten Platten,
die auf dem Küchentisch standen. „Nach der
Bescherung, wenn die Kinder im Bett sind,
wollen noch Geschäftsfreunde meines Mannes
vorbeischauen“, erwiderte die Hausfrau, „
deshalb eilt es etwas. Können Sie gleich
anfangen?“ Der Student war schnell umgezogen.
„Und nun zu den Geschenken“, sagte Herr
Neureich, „ diese Sachen sind für den Jungen,
Thomas“, er zeigte auf ein Fahrrad und andere
Spielsachen „und das bekommt Petra, unsere
Tochter; die Puppe da drüben und alles andere.
Der Name steht drauf, da wird nichts schief
gehen. Und hier ist noch ein Zettel, auf dem
ein paar Unarten der Kinder draufstehen. Reden
Sie ihnen ruhig mal ins Gewissen, aber keine
Angst machen; es genügt, wenn Sie mit der Rute
drohen. Und alles möglichst rasch bitte, wir
erwarten nämlich noch Besuch!“ Der
Weihnachtsmann nickte und packte die Geschenke
in den Sack. „Rufen Sie die Kinder schon mal
ins Wohnzimmer. Ich komme gleich. Kann ich
noch kurz jemanden anrufen?“ Nach einigen
Minuten war dann alles soweit. Mit dem
schweren Sack auf dem Rücken ging der Student
Richtung Wohnzimmer; er sah den brennenden
Baum, die erwartungsvollen Kinder, die
feierlichen Eltern. „Guten Tag, liebe Kinder.
Ihr seid also Thomas und Petra. Ihr wisst
sicher, wer ich bin, oder?“ „Der
Weihnachtsmann“, sagte Thomas etwas ängstlich.
„Richtig, und ich komme zu Euch, weil heute
Weihnachten ist. Doch bevor ich nachschaue,
was ich alles in meinem Sack habe, wollen wir
erst ein Weihnachtslied singen. Kennt Ihr
„Stille Nacht, heilige Nacht ? Also gut, dann
singen wir!“ Er begann mit kräftiger Stimme zu
singen, doch mitten im Lied brach er ab.
„Aber, aber, die Eltern singen ja gar nicht
mit! Jetzt fangen wir nochmals von vorne an.
Oder haben wir den Text nicht gelernt? Wie
geht denn das Lied, Herr Neureich?“ Herr
Neureich blickte den Weihnachtsmann befremdet
an. „Stille Nacht, heilige Nacht, alles
schläft, einer wacht“ Der Weihnachtsmann
klopfte mit der Rute auf den Tisch. „Einsam
wacht! – Weiter! – Nur das traute...“ „Nur das
traute hochheilige Paar“, sagte Frau Neureich
betreten und leise fügte sie hinzu „Holder
Knabe im lockigen Haar.“ „Vorsagen gilt
nicht!“ sagte der Weihnachtsmann barsch und
hob die Rute. „Wie geht es weiter?“ „Holder
Knabe im lockigen“ „Im lockigen Was?“„Ich weiß
nicht“, sagte Herr Neureich. „Aber was soll
das? Sie sind hier um .....“ Seine Frau stieß
ihm in die Seite und als er die erstaunten
Blicke seiner Kinder sah, verstummte er.
„Holder Knabe im lockigen Haar“ sagte der
Weihnachtsmann. „Schlaf in himmlischer Ruh,
schlaf in himmlischer Ruh. Das nächste Mal
lernen wir das besser. Und jetzt singen wir
noch alle einmal zusammen. Gut Kinder – Eure
Eltern können sich an Euch ein Beispiel
nehmen! So, und jetzt geht´s an die
Bescherung. Halt, da ist ja noch ein Zettel! –
Stimmt es Thomas, dass Du in der Schule oft
ungehorsam bist und den Lehrern
widersprichst?“ „Ja“, sagte Thomas kleinlaut.
„Gut so“, sagte der Weihnachtsmann, „ nur
dumme Kinder glauben alles, was ihnen die
Lehrer erzählen. Brav Thomas!“ Herr Neureich
sah den Studenten beunruhigt an. „Aber ...“,
begann er, „Sei doch still!“ sagte seine Frau.
„Wollten Sie etwas sagen?“ fragte der
Weihnachtsmann Herrn Neureich. „Nein“ “Nein,
lieber Weihnachtsmann, heißt das immer noch!
So, Petra! Du sollst manchmal bei Tisch reden,
auch wenn Du nicht gefragt wirst; stimmt das?“
Petra nickte. „Gut so! Wer immer nur redet,
wenn er gefragt wird, bringt´s im Leben zu
nichts. Und da ihr so brave Kinder seid,
bekommt Ihr nun Eure Geschenke!“ Er packte die
Sachen aus, überreichte sie den Kindern und
machte dabei kleine Scherze. Die Kinder
bedankten sich und lachten; sie mochten ihn
offensichtlich. „So, jetzt bedankt Euch mal
ordentlich beim Weihnachtsmann!“ rief Herr
Neureich seinen Kindern zu. „Er muss nämlich
noch viele, viele Kinder besuchen, deswegen
will er jetzt leider gehen.“ Thomas schaute
den Weihnachtmann enttäuscht an, da klingelte
es. „Sind das schon die Gäste?“ fragte die
Hausfrau. Sie ging zur Türe, öffnete und ein
Mann mit roter Kapuze und rotem Mantel |
Weihnachten!
und langem, weißen Bart, trat ein. „Ich bin
Knecht Ruprecht“, sagte er mit tiefer Stimme,
während Herr Neureich im Wohnzimmer noch
einmal behauptete, der Weihnachtsmann müsse
nun dringend gehen. „Da ist ja mein Freund
Knecht Ruprecht!“ „So ist es! Von draus vom
Walde komm ich her!“ „Wundert Euch nicht“,
sagte der Weihnachtsmann zu den Kindern. „Ich
könnte nie alle Kinder auf der Welt bescheren.
Deshalb habe ich Freunde: den Knecht Ruprecht,
den heiligen Nikolaus und noch viele
andere...“ Es klingelte wieder. Die Hausfrau
schaute ihren Mann an, der so verwirrt war,
dass er nur mit dem Kopf nickte. Vor der Tür
stand ein dritter Weihnachtsmann. „Puh“, sagte
er, „hier ist es beinah genau so kalt wie am
Nordpol!“ Mit diesen Worten betrat er das
Wohnzimmer. „Ich bin Sankt Nikolaus und freue
mich, wenn ich brave Kinder sehe. Das sind sie
doch, oder?“ „Sie sind sehr brav“, sagte der
Weihnachtsmann, „nur die Eltern gehorchen
nicht immer.“ „Verschwinden Sie!“ flüsterte
Herr Neureich in das Ohr des Studenten. „Sagen
Sie es doch so laut, dass Ihre Kinder es auch
hören können!“ „Ihr gehört jetzt ins Bett“
sagte Herr Neureich. „Nein“, brüllten die
Kinder und klammerten sich an den Mantel des
Weihnachtsmannes. „Wir haben Hunger“ sagte
Sankt Nikolaus. Die Frau holte ein Tablett.
Herr Neureich stellte sich dazwischen. „Lassen
Sie die Hände von unserem Essen!“ „Thomas!“
rief Knecht Ruprecht und schon kam der kleine
Thomas auf seinem Rad angestrampelt.
Erwartungsvoll blickte er seinen Vater und den
Weihnachtsmann an. „Mein Gott, mein Gott!“
sagte Herr Neureich. In diesem Moment
klingelte es. „Das werden die Gäste sein.“
„Und wenn sie es nicht sind?“ „Dann hole ich
die Polizei!“ Herr Neureich öffnete. Ein
junger Mann trat ein. Auch er hatte einen
Wattebart im Gesicht, trug jedoch keinen roten
Mantel, sondern einen weißen Umhang, an dem er
zwei Flügel aus Pappe befestigt hatte. Die
Kinder, der Weihnachtsmann, Knecht Ruprecht,
Sankt Nikolaus, das Ehepaar Neureich, alle
schauten auf den neuen Gast. „Ich bin der
Engel Gabriel. Ich schaue, ob auch alle Kinder
artig sind. Ich bin der Engel, der den Hirten
damals das Jesuskind angekündigt hat. Ihr
kennt doch die Geschichte?“ „Was soll denn der
Unfug?“ fragte Herr Neureich mit zittriger
Stimme. „Sie werden jetzt alle schleunigst
verschwinden!“ „Schmeißen Sie uns doch raus!“
sagte der Weihnachtsmann und zeigte ins
Wohnzimmer. Dort saß der Engel, aß von den
belegten Brötchen und erzählte Thomas davon,
wie es im Himmel aussah. Die Weihnachtsmänner
brachten Petra das Lied bei: „Nun danket alle
Gott, die Schule ist bankrott!“ „Wie viel
verlangen Sie?“ fragte Herr Neureich. „Wofür?“
„Dass Sie verschwinden. Ich erwarte Gäste. Das
wissen Sie doch!“ „Ja, das könnte für Sie
peinlich werden. Wie viel ist Ihnen die Sache
denn wert?“ „Hundert Mark“, sagte der
Hausherr. Der Weihnachtsmann lachte und ging
ins Wohnzimmer. „Petra und Thomas, holt mal
Eure Eltern. Engel Gabriel will uns noch eine
Geschichte erzählen!“ Die Kinder liefen auf
ihre Eltern zu. „Kommt, der Engel Gabriel will
uns noch eine Weihnachtsgeschichte erzählen!“
„Halt mir die Kinder etwas vom Leibe“
flüsterte Herr Neureich seiner Frau ins Ohr,
„Ich ruf jetzt die Polizei!“ „Kommt doch,“
riefen die Kinder, während der Hausherr den
Hörer abnahm und wählte. Die Kinder kamen
neugierig näher. „Hier Neureich“, flüsterte
er, „Neureich, Deggendorf. Schicken Sie mir
ein Überfallkommando!“ „Sprechen Sie bitte
lauter“ sagte der Polizeibeamte. „Ich kann
nicht lauter sprechen, wegen der Kinder. Bei
mir zu Haus sind drei Weihnachtsmänner und ein
Engel, und die gehen nicht weg!“ „Was ist mit
den Weihnachtsmännern?“ fragte der Beamte,
doch Herr Neureich konnte nicht antworten
wegen der Kinder. „Fröhliche Weihnachten !“
lachte der Beamte und legte auf. Da wurde
Herrn Neureich seine verzweifelte Lage klar!
„Komm, Papi, Engel Gabriel will anfangen!“
„Zweihundertfünfzig“ sagte er leise zum
Weihnachtsmann, der auf der Couch saß. „Pst“,
antwortete der und zeigte auf den Engel, der
fortfuhr: „Es begab sich aber zu der Zeit,“
„Dreihundert“ Der Engel erzählte weiter ..
„Vierhundert“ Der Weihnachtsmann nickte. „So,
liebe Kinder, wir müssen jetzt leider gehen“,
sagte er, „Seid hübsch brav, widersprecht
Euren Lehrern wo es geht, haltet die Augen
offen, und redet, ohne gefragt zu werden.
Versprecht Ihr mir das?“ Die Kinder
versprachen es und nacheinander verließen der
Weihnachtsmann, Knecht Ruprecht, Sankt
Nikolaus und der Engel Gabriel die Villa. „Ich
fand es nicht richtig, dass Du Geld genommen
hast!“ sagte Knecht Ruprecht. „Wieso nicht? So
reiche Leute sollen ruhig etwas dafür
bezahlen! In einer Gesellschaft, deren Losung
„Hast-du-was,-bist-du-was“ heißt, kann auch
ein Weihnachtsmann nicht sauber bleiben! Wir
werden für das Geld Geschenke kaufen und an
arme Familien verteilen!“
(gekürzt von K.Scheubner,
„JENNY“)
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