Flaschenpost Nr. 2
Juni 2002                     Jahrgang 7

  

Bobby

Von Klaus Schmitt 

Wie im Achterunter der Himmel war

 

Natürlich haben wir Kinder das Gebot missachtet, dass Bobby nicht in die Roof durfte. Wir brauchten ihn ja nur geschickt einzuschleusen. Wenn draußen schlechtes Wetter war, oder Kohlen geladen wurden, oder abgewaschen wurde, war unser zugewiesenes Exil der Achterunter. *)  Hier konnten wir spielen, ohne dass man uns beaufsichtigen musste. 
Um in den Achterunter zu kommen musste man durch die Schlafkammer der Roof, durch eine Schiebetür mit einer wunderschön geätzten Scheibe mit Jugendstil-Blumendekor. (Ich habe die Scheibe noch!) In der Schlafkammer hing ein gerahmter Spruch: „Hab‘ Sonne im Herzen und Zwiebel im Bauch, da kann man gut scherzen und Luft hat man auch.“  Und so roch es da auch. (Ich erinnere mich heut‘ noch an den Geruch.)
Eine steile Treppe hinunter - die man rückwärts gehen sollte - kam man in den Achterunter. Dort gab es einen „großen“ Raum, mit rundherum eingebauten Schränken. Die Mitte des Achterunters dämmerig erhellt durch ein Oberlicht, bot reichlich Platz zum Spielen. Von den Schränken in der Seitenverschalung waren zwei als Schrankbetten eingerichtet. Wir fanden sie riesig. Das eine Schrankbett war als Kleiderablage genutzt, das andere war unsere Schlafstätte.   (Wir wurden zwar später auf zwei Schränke verteilt, aber das war zu spät, wir wußten dann schon ausreichend genau, was man von Buben und Mädchen wissen musste.)
So lang ist das her: wir mussten damals noch unser Mittagsschläfchen machen, wie im Kindergarten. Zum Empören: Dabei waren doch Ferien! Also suchten wir heimlich eine „sinnvolle“ Beschäftigung: wir schleusten Bobby ein, und spielten Zollfahndung.

Die Schränke im Achterunter waren geheimnisvoll mit allem möglichen Schiffsmaterial geladen, Petroleum, Farbe, Tauwerk, Mennige, Flaggen, Laternen, Werkzeug, rostige Nägel, ölige Schrauben, alter Gummi, Dämmselmaterial, Speck, Ölzeug, Leckkleid, Angelzeug, Netzsäcke, Büchsenwurst, Schwarzmarkt-Ware ...

Unter dem Fußboden in der Bilge, durch eine Bodenluke zugänglich, war noch Stauraum, so weit man sehen konnte, für Kartoffeln, Gemüse, Apfelwein und Rhenser Wasser (mit dem Schraubstopfen).

Öffnete man die Schranktüre Steuerbord achtern in der Ecke – stand man vor paar steilen Stufen – und oben war der Abort. Er hatte ein Oberlicht, das man in der Höhe für den Kopf brauchte, wenn man auf dem Trichter saß. (Wir Kinder natürlich nicht.) - .....und zur Entlüftung natürlich auch. Eine große braune Email-Kanne zum Spülen musste ständig gefüllt gehalten werden. Es war mein Ferienjob, sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit draußen mit dem Schöpfeimer zu füllen und wieder hinunter zu schleppen. Ebenso musste der Nagel für die Zeitungszuschnitte stets ausreichend bestückt sein. (Kultur im Endstadium!)
So, und nun stelle man sich die zuletzt gelesenen Absätze einmal vor – wie es der Maler mit Farben tun würde, der Musiker mit Tönen – jetzt aber einmal empfunden mit den feinen Sinnen einer Hundeschnauze. Es war der helle Wahnsinn. Eine Symphonie, eine ganze Wagneroper von Wohlgerüchen! Einfach der Hundehimmel auf Erden! Bobby trippelte und wieselte ganz aufgeregt, schien gar verrückt werden zu wollen. Er wurde aber bei der hektischen Wühlerei und Schnüffelei eigentlich nur furchtbar dreckig und sammelte einen Schatz von Geruchserinnerungen zum Nachträumen. Damit musste er sich zufrieden geben, weil er ja für diesen Himmel kein gültiges Visum hatte.
 

Als Zollfahnder fand Bobby leider keine geschmuggelte holländische Schokolade. Nur Hühnerfutter und ein ganzes herrliches Bergwerk voll Briketts.
 

 


   Seite zurück

- 4 und 5 -


Seite vor     

Inhaltsverzeichnis