Flaschenpost Nr. 2
Juni 2002                     Jahrgang 7

Mit 1.323 Tonnen Wintergetreide im Schiffsbauch und 700 Pferdestärken durch die Lohrer Brücken - Tag und Nacht mit 15 km/h unterwegs auf dem Main mit einem Lohrer Schifferehepaar
von Hans Schönmann, Lohr

Lohr. In Anlehnung an den berühmten Film „Der mit dem Wolf tanzt“ könnte man abgewandelt eine zweitägige Mitfahrt auf einem großen Motorschiff mit  „Der mit den Wolfs fährt“ betiteln. Denn wir haben das Ehepaar Manfred und Wiltrud Wolf aus Lohr-Sendelbach ein Stück weit auf seiner Reise mit einem Gütermotorschiff von Schweinfurt nach Merksem in Belgien begleitet, um Einblick in das Leben und Schaffen auf einem Frachtschiff zu gewinnen. Obendrein bot die Schiffsfahrt eine ganz neue Perspektive auf den Landkreis Main-Spessart, der aus dem komfortablen Steuerhaus eines Mainschiffes bei einer Tasse Tee sehr angenehm wie auf einem Riesenbildschirm betrachtet werden kann.

Mittwoch Morgen zwischen sieben und zwölf Uhr wurde im Schweinfurter Hafen unter Staubwolken das Schiff beladen. Aus den himmelhohen Silos der BayWa, von denen Hunderte von fetten Tauben dem Treiben gelassen zuschauten, rann ein heftiger, nicht enden wollender Strom von gelben Körnern durch einen beweglichen Ladearm in den Schiffsbauch. Als die Dachteile über die gefüllten Kammern geschoben wurden, war die „Henriette Baumgärtner“ mit 1323 Tonnen Wintergetreide gefüllt. Ziel der Fracht: die Getreidemühle Dossche, Mills and Bakery, in B 2170 Merksem in Belgien.

Wir begleiteten die Mannschaft, zu der außer dem Schiffsführer Manfred Wolf und Steuermann Wiltrud Wolf ein tschechischer Matrose gehört, von Schweinfurt bis zur Schleuse Eichel bei Kreuzwertheim. Manfred Wolf besitzt eine 43-jährige Berufserfahrung und ist in seinem Beruf im Sinne des Wortes mit allen Wassern gewaschen. Das merkt auch der Laie, wenn er neben dem Schiffsführer sitzend die zum Teil schwierigen Manöver des 100 m langen und 8,20 m breiten Schiffes verfolgt. Der Tiefgang von 2,62 m erfordert eine strenge Einhaltung der vorgegebenen Fahrrinne. Das physikalische Gesetz von der Trägheit der Masse wird auf einem beladenen Frachtschiff körperlich erlebbar. Dass die Mainschifffahrt nicht ganz ohne Risiko ist, haben einige Unfälle im vergangenen Jahr nur allzu deutlich bewiesen.

Was den Laien überaus erstaunt und durchaus auch ein wenig erregt, sind unter anderem die Durchfahrten durch die vielen Schleusen. Nach dem Ablegen in Schweinfurt-Hafen mussten nacheinander (bis zur Staustufe Eichel) folgende Schleusen gemeistert werden: Garstadt, Wipfeld, Gerlachshausen, Dettelbach, Kitzingen, Marktbreit, Gossmannsdorf, Randersacker (dort wurde im Oberwasser übernachtet), Würzburg, Erlabrunn, Himmelstadt, Harrbach, Steinbach, Rothenfels, und Lengfurt. Die Schleusen Himmelstadt, Steinbach und Rothenfels werden vom Schiffsführer bei der Annäherung als „Geisterschleusen“ bezeichnet, was die Phantasie des Gastes ungemein beflügelt.
Aber mit diesem Begriff beschreiben die Schiffer lediglich den Umstand, dass in den Kontrolltürmen dieser Schleusen keine Schleusenwärter mehr sitzen, sondern Elektronik und Kameras den Dienst verrichten. Von Schleuse Harrbach aus werden die genannten drei Geisterschleusen beobachtet und gesteuert. Es ist an dieser Stelle überflüssig zu betonen, dass alle Motorschiffe mit Funk ausgerüstet sind und untereinander und mit dem Schleusenpersonal ständig Kontakt haben. Das geht soweit, dass ein Kapitän durch Funkverkehr immer weiß, wer vor und hinter ihm fährt und wer ihm entgegenkommt. Die meisten Schiffsleute kennen sich übrigens untereinander seit langen Jahren und sind auch privat durch Vereine oder Schifffahrtsgesellschaften freundschaftlich verbunden.    
Dass ein 100 Meter langes Schiff auf dem zum Teil recht schmalen Main selbst nachts gefahrlos unterwegs sein kann, verblüffte die „Landratte“. Auf einem hochformatigen dunklen Radarschirm, der sich direkt vor den Knien des Schiffsführers befindet, war gelbgrün auf schwarz das eigene Schiff in der Fahrrinne, die Ufer und alle für die Steuerung bedeutsamen Punkte zu sehen. Eine Gerade, die vom Schiffskörper nach vorn weist, zeigte die Bewegungsrichtung des massigen Schiffskörpers an. Aber auch das richtige „Lesen“ und Interpretieren eines Radarschirms scheint erst nach langer Übung zu gelingen, wie sich bei Versuchen während der Nachtfahrt für den Gast herausstellte.    

Aufregend war außer allem Technischen, das mit Führen eines großen Schiffes verbunden ist, auch die Erledigung der täglichen Lebensbedürfnisse auf einer solchen schwimmenden Stahlinsel. Es gibt auf diesem Motorschiff ein Gästezimmer mit Waschgelegenheit. Man kann den mitgeführten Laptop an der gewohnten Steckdose mit 220 Volt Wechselstrom anschließen und selbstverständlich auch telefonieren. Mehrere Handys, Faxgerät, eine komplette Komputerausstattung mit Internetanschluss und Farbfernsehen waren weitere Standards, die der Mitfahrer durchaus nicht alle erwartet hatte, so dass er zu seiner stillen Freude auf nichts verzichten musste.   

Natürlich wissen die Wolfs auch, welche anderen Lohrer ebenfalls der Schifffahrt im engeren Sinne verbunden sind, wer also außer ihnen noch „schiffig“ ist (einer von vielen Ausdrücken aus der Fachsprache der Schiffer):

+ Karl-Heinz Wittich auf dem Motorschiff „Fortuna“ fährt für die Mainschifffahrtsgenossenschaft (MSG)
+ Christian Faßnacht auf dem Tankschiff „Romberg“ fährt für eine Ölgesellschaft
+ Hans Buchner auf dem Motorschiff „Spessarttor“ fährt für die MSG
+ Karl-Martin Ott auf dem Motorschiff „Helfried“ fährt freiberuflich
+ Uwe Bolte auf dem Motorschiff „Levana“ fährt für die MSG
+ Werner Michl macht wie Familie Wolf Urlaubsvertretungen als Schiffsführer
+ Michael Reinhardt fährt als Angestellter auf einem Schubschiff auf dem Rhein.

Bei der Vorbeifahrt an Lohr am Mittag des zweiten Tages nach Ablegen in Schweinfurt kam das Gespräch auch auf „Wünsche und Anregungen“, soweit es die Schifffahrt im Raum Lohr betrifft. Was Außenstehende nicht wissen können: Unter der alten Mainbrücke gibt es getrennte so genannte Land- und Bergfahrtbogen. Der Landfahrtbogen ist aber seit ca. eineinhalb Jahren für die Schifffahrt gesperrt, nachdem dort ein Unfall mit einem Schubverband passiert ist und man nicht sicher ist, ob unter Wasser am Pfeiler Schäden aufgetreten sind. Stadt Lohr und Land Bayern schieben die Zuständigkeitsfrage hin und her und können sich nicht einigen, wer die Kosten für eine Lösung übernimmt. Die Schifffahrt wäre aber sicherer und einfacher, wie Manfred Wolf betont, wenn die Berg- und Talfahrer dort wieder getrennte Fahrrinnen erhielten.

Ein weiteres Ärgernis für die Schifffahrt im Raum Lohr bilden die heute funktionslosen Buhnenfelder zwischen Lohr und Steinbach. Die sind nämlich in weiten Bereichen total verlandet. Die Schiffer wünschen sich eine rasche Ausbaggerung und sehen sich in dieser Forderung in Gesellschaft mit einigen Naturschutzverbänden und der Fischerzunft Lohr. Wassergefüllte Buhnenfelder würden bei steigendem Wasserstand mehr Volumen im Fluss speichern und auch die Hochwasserspitzen abzuflachen helfen. Dann könnten sie auch der ursprünglich zugedachten Aufgabe gerecht werden, nämlich Kinderstube für die Fischbrut zu sein.  

Wenn der Gast anfänglich geglaubt hatte, dass ein Motorschiff dieses Ausmaßes eine Ewigkeit benötigen würde, um von Schweinfurt nach Belgien zu kommen, dann sah er sich eines Besseren belehrt. Am fünften Tag nach dem Ablegen, also schon am Montag, wurde in Merksem bereits mit dem Löschen des Getreides begonnen.
Wir wollten schließlich vom Ehepaar Wolf noch wissen, was sie am Schifferleben so sehr fasziniert, dass sie sich mit Haut und Haar diesem Beruf verschrieben haben und nun schon seit über 40 Jahren der Schifffahrt treu geblieben sind. Wiltrud Wolf stammt aus einer Schifferfamilie und hat daher  Schifferblut in den Adern. Für sie war von Kindesbeinen an klar, dass sie einmal einen Schiffsmann heiratet und auf dem Wasser bleibt. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder musste sie eine vierjährige Zwangspause einlegen. „Die vier Jahre daheim waren meine schlimmste Zeit“, sagt sie mit Überzeugungskraft. Ihr Mann habe ihr damals gefehlt, aber auch das liebgewonnene Leben auf dem Schiff, wo man unbehelligt und frei in allen seinen Entscheidungen sei.

Manfred Wolf antwortet auf die Frage, was ihn an der Schifffahrt reize, dass er von Anfang an den Nervenkitzel und auch das Abenteuer gesucht habe. Als Schiffsführer sei er selbstverantwortlich und selbstständig in seinem Handeln.
Das sei eine gewollte Herausforderung, der er sich gern stelle und die ihm obendrein Spaß bereite. Allein für Haus und Garten zu leben, das gebe für ihn keinen ausreichenden Sinn.   
Für die Bekenntnisse des Ehepaars Wolf aus Lohr-Sendelbach bezüglich ihres Berufs kann der 2-Tages-Gast trotz des kurzen Aufenthaltes auf dem Schiff „Henriette Baumgärtner“ großes Verständnis aufbringen. Selbst von Zeit zu Zeit fernwehkrank, hat er ein Gefühl dafür bekommen, wie facettenreich und immerzu spannungsgeladen doch das angebliche Zigeunerleben auf einem Gütermotorschiff sein kann. Der lakonische Satz „Einmal Schiffer - immer Schiffer“ bringt die lebenslängliche Verbundenheit mit diesem ungewöhnlichen Beruf schön zum Ausdruck.
 

Der Laie kann nur staunen, wie man ein 100 m langes und 8,20 m breites Schiff ungefährdet durch diesen Bogen der alten Lohrer Mainbrücke steuern kann. Aber ein Schiffsführer wie Manfred Wolf aus Lohr, der 43 Jahre lang des Steuer eines Schiffes führt, hat eine ganz hohe Sensibilität für die zu erwartenden Bewegungen des schwimmenden Schiffskörpers entwickelt, so dass er selbst nachts seine „Henriette Baumgärtner“ geradezu traumwandlerisch durch alle Engpässe und um alle Kurven lenkt.

 


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