|
Mit
1.323 Tonnen Wintergetreide im Schiffsbauch und 700
Pferdestärken durch die Lohrer Brücken -
Tag
und Nacht mit 15 km/h unterwegs auf dem Main mit
einem Lohrer Schifferehepaar
von Hans
Schönmann, Lohr
Lohr. In Anlehnung an den berühmten Film „Der mit
dem Wolf tanzt“ könnte man abgewandelt eine
zweitägige Mitfahrt auf einem großen Motorschiff
mit „Der mit den Wolfs fährt“ betiteln. Denn wir
haben das Ehepaar Manfred und Wiltrud Wolf aus
Lohr-Sendelbach ein Stück weit auf seiner Reise mit
einem Gütermotorschiff von Schweinfurt nach Merksem
in Belgien begleitet, um Einblick in das Leben und
Schaffen auf einem Frachtschiff zu gewinnen.
Obendrein bot die Schiffsfahrt eine ganz neue
Perspektive auf den Landkreis Main-Spessart, der aus
dem komfortablen Steuerhaus eines Mainschiffes bei
einer Tasse Tee sehr angenehm wie auf einem
Riesenbildschirm betrachtet werden kann.
Mittwoch Morgen zwischen sieben und zwölf Uhr wurde
im Schweinfurter Hafen unter Staubwolken das Schiff
beladen. Aus den himmelhohen Silos der BayWa, von
denen Hunderte von fetten Tauben dem Treiben
gelassen zuschauten, rann ein heftiger, nicht enden
wollender Strom von gelben Körnern durch einen
beweglichen Ladearm in den Schiffsbauch. Als die
Dachteile über die gefüllten Kammern geschoben
wurden, war die „Henriette Baumgärtner“ mit 1323
Tonnen Wintergetreide gefüllt. Ziel der Fracht: die
Getreidemühle Dossche, Mills and Bakery, in B 2170
Merksem in Belgien.
Wir begleiteten die Mannschaft, zu der außer dem
Schiffsführer Manfred Wolf und Steuermann Wiltrud
Wolf ein tschechischer Matrose gehört, von
Schweinfurt bis zur Schleuse Eichel bei
Kreuzwertheim. Manfred Wolf besitzt eine 43-jährige
Berufserfahrung und ist in seinem Beruf im Sinne des
Wortes mit allen Wassern gewaschen. Das merkt auch
der Laie, wenn er neben dem Schiffsführer sitzend
die zum Teil schwierigen Manöver des 100 m langen
und 8,20 m breiten Schiffes verfolgt. Der Tiefgang
von 2,62 m erfordert eine strenge Einhaltung der
vorgegebenen Fahrrinne. Das physikalische Gesetz von
der Trägheit der Masse wird auf einem beladenen
Frachtschiff körperlich erlebbar. Dass die
Mainschifffahrt nicht ganz ohne Risiko ist, haben
einige Unfälle im vergangenen Jahr nur allzu
deutlich bewiesen.
Was den Laien überaus erstaunt und durchaus auch ein
wenig erregt, sind unter anderem die Durchfahrten
durch die vielen Schleusen. Nach dem Ablegen in
Schweinfurt-Hafen mussten nacheinander (bis zur
Staustufe Eichel) folgende Schleusen gemeistert
werden: Garstadt, Wipfeld, Gerlachshausen,
Dettelbach, Kitzingen, Marktbreit, Gossmannsdorf,
Randersacker (dort wurde im Oberwasser übernachtet),
Würzburg, Erlabrunn, Himmelstadt, Harrbach,
Steinbach, Rothenfels, und Lengfurt. Die Schleusen
Himmelstadt, Steinbach und Rothenfels werden vom
Schiffsführer bei der Annäherung als
„Geisterschleusen“ bezeichnet, was die Phantasie des
Gastes ungemein beflügelt.
Aber mit diesem Begriff beschreiben die Schiffer
lediglich den Umstand, dass in den Kontrolltürmen
dieser Schleusen keine Schleusenwärter mehr sitzen,
sondern Elektronik und Kameras den Dienst
verrichten. Von Schleuse Harrbach aus werden die
genannten drei Geisterschleusen beobachtet und
gesteuert. Es ist an dieser Stelle überflüssig zu
betonen, dass alle Motorschiffe mit Funk ausgerüstet
sind und untereinander und mit dem Schleusenpersonal
ständig Kontakt haben. Das geht soweit, dass ein
Kapitän durch Funkverkehr immer weiß, wer vor und
hinter ihm fährt und wer ihm entgegenkommt. Die
meisten Schiffsleute kennen sich übrigens
untereinander seit langen Jahren und sind auch
privat durch Vereine oder Schifffahrtsgesellschaften
freundschaftlich verbunden.
Dass ein 100 Meter langes Schiff auf dem zum Teil
recht schmalen Main selbst nachts gefahrlos
unterwegs sein kann, verblüffte die „Landratte“. Auf
einem hochformatigen dunklen Radarschirm, der sich
direkt vor den Knien des Schiffsführers befindet,
war gelbgrün auf schwarz das eigene Schiff in der
Fahrrinne, die Ufer und alle für die Steuerung
bedeutsamen Punkte zu sehen. Eine Gerade, die vom
Schiffskörper nach vorn weist, zeigte die
Bewegungsrichtung des massigen Schiffskörpers an.
Aber auch das richtige „Lesen“ und Interpretieren
eines Radarschirms scheint erst nach langer Übung zu
gelingen, wie sich bei Versuchen während der
Nachtfahrt für den Gast herausstellte.
Aufregend war außer allem Technischen, das mit
Führen eines großen Schiffes verbunden ist, auch die
Erledigung der täglichen Lebensbedürfnisse auf einer
solchen schwimmenden Stahlinsel. Es gibt auf diesem
Motorschiff ein Gästezimmer mit Waschgelegenheit.
Man kann den mitgeführten Laptop an der gewohnten
Steckdose mit 220 Volt Wechselstrom anschließen und
selbstverständlich auch telefonieren. Mehrere
Handys, Faxgerät, eine komplette Komputerausstattung
mit Internetanschluss und Farbfernsehen waren
weitere Standards, die der Mitfahrer durchaus nicht
alle erwartet hatte, so dass er zu seiner stillen
Freude auf nichts verzichten musste.
Natürlich wissen die Wolfs auch, welche anderen
Lohrer ebenfalls der Schifffahrt im engeren Sinne
verbunden sind, wer also außer ihnen noch „schiffig“
ist (einer von vielen Ausdrücken aus der Fachsprache
der Schiffer):
+ Karl-Heinz Wittich auf dem Motorschiff „Fortuna“
fährt für die Mainschifffahrtsgenossenschaft (MSG)
+ Christian Faßnacht auf dem Tankschiff „Romberg“
fährt für eine Ölgesellschaft
+ Hans Buchner auf dem Motorschiff „Spessarttor“
fährt für die MSG
+ Karl-Martin Ott auf dem Motorschiff „Helfried“
fährt freiberuflich
+ Uwe Bolte auf dem Motorschiff „Levana“ fährt für
die MSG
+ Werner Michl macht wie Familie Wolf
Urlaubsvertretungen als Schiffsführer
+ Michael Reinhardt fährt als Angestellter auf einem
Schubschiff auf dem Rhein.
Bei der Vorbeifahrt an Lohr am Mittag des zweiten
Tages nach Ablegen in Schweinfurt kam das Gespräch
auch auf „Wünsche und Anregungen“, soweit es die
Schifffahrt im Raum Lohr betrifft. Was Außenstehende
nicht wissen können: Unter der alten Mainbrücke gibt
es getrennte so genannte Land- und Bergfahrtbogen.
Der Landfahrtbogen ist aber seit ca. eineinhalb
Jahren für die Schifffahrt gesperrt, nachdem dort
ein Unfall mit einem Schubverband passiert ist und
man nicht sicher ist, ob unter Wasser am Pfeiler
Schäden aufgetreten sind. Stadt Lohr und Land Bayern
schieben die Zuständigkeitsfrage hin und her und
können sich nicht einigen, wer die Kosten für eine
Lösung übernimmt. Die Schifffahrt wäre aber sicherer
und einfacher, wie Manfred Wolf betont, wenn die
Berg- und Talfahrer dort wieder getrennte Fahrrinnen
erhielten.
Ein weiteres Ärgernis für die Schifffahrt im Raum
Lohr bilden die heute funktionslosen Buhnenfelder
zwischen Lohr und Steinbach. Die sind nämlich in
weiten Bereichen total verlandet. Die Schiffer
wünschen sich eine rasche Ausbaggerung und sehen
sich in dieser Forderung in Gesellschaft mit einigen
Naturschutzverbänden und der Fischerzunft Lohr.
Wassergefüllte Buhnenfelder würden bei steigendem
Wasserstand mehr Volumen im Fluss speichern und auch
die Hochwasserspitzen abzuflachen helfen. Dann
könnten sie auch der ursprünglich zugedachten
Aufgabe gerecht werden, nämlich Kinderstube für die
Fischbrut zu sein.
Wenn der Gast anfänglich geglaubt
hatte, dass ein Motorschiff dieses Ausmaßes eine
Ewigkeit benötigen würde, um von Schweinfurt nach
Belgien zu kommen, dann sah er sich eines Besseren
belehrt. Am fünften Tag nach dem Ablegen, also schon
am Montag, wurde in Merksem bereits mit dem Löschen
des Getreides begonnen.
Wir wollten
schließlich vom Ehepaar Wolf noch wissen, was sie am
Schifferleben so sehr fasziniert, dass sie sich mit
Haut und Haar diesem Beruf verschrieben haben und
nun schon seit über 40 Jahren der Schifffahrt treu
geblieben sind. Wiltrud Wolf stammt aus einer
Schifferfamilie und hat daher Schifferblut in den
Adern. Für sie war von Kindesbeinen an klar, dass
sie einmal einen Schiffsmann heiratet und auf dem
Wasser bleibt. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder
musste sie eine vierjährige Zwangspause einlegen.
„Die vier Jahre daheim waren meine schlimmste Zeit“,
sagt sie mit Überzeugungskraft. Ihr Mann habe ihr
damals gefehlt, aber auch das liebgewonnene Leben
auf dem Schiff, wo man unbehelligt und frei in allen
seinen Entscheidungen sei.
Manfred Wolf
antwortet auf die Frage, was ihn an der Schifffahrt
reize, dass er von Anfang an den Nervenkitzel und
auch das Abenteuer gesucht habe. Als Schiffsführer
sei er selbstverantwortlich und selbstständig in
seinem Handeln.
Das sei eine gewollte Herausforderung, der er sich
gern stelle und die ihm obendrein Spaß bereite.
Allein für Haus und Garten zu leben, das gebe für
ihn keinen ausreichenden Sinn.
Für die Bekenntnisse des Ehepaars Wolf aus
Lohr-Sendelbach bezüglich ihres Berufs kann der
2-Tages-Gast trotz des kurzen Aufenthaltes auf dem
Schiff „Henriette Baumgärtner“ großes Verständnis
aufbringen. Selbst von Zeit zu Zeit fernwehkrank,
hat er ein Gefühl dafür bekommen, wie facettenreich
und immerzu spannungsgeladen doch das angebliche
Zigeunerleben auf einem Gütermotorschiff sein kann.
Der lakonische Satz „Einmal Schiffer - immer
Schiffer“ bringt die lebenslängliche Verbundenheit
mit diesem ungewöhnlichen Beruf schön zum Ausdruck.

Der Laie kann nur staunen, wie man ein 100 m langes
und 8,20 m breites Schiff ungefährdet durch diesen
Bogen der alten Lohrer Mainbrücke steuern kann. Aber
ein Schiffsführer wie Manfred Wolf aus Lohr, der 43
Jahre lang des Steuer eines Schiffes führt, hat eine
ganz hohe Sensibilität für die zu erwartenden
Bewegungen des schwimmenden Schiffskörpers
entwickelt, so dass er selbst nachts seine
„Henriette Baumgärtner“ geradezu traumwandlerisch
durch alle Engpässe und um alle Kurven lenkt.
|