Flaschenpost Nr. 4
Dezember 2002            Jahrgang 7

Bobby

Von Klaus Schmitt

Wie es um Leben und Tod ging

 

Bergfahrt im Schleppzug. Irgendwo auf Strom, sagen wir mal am „Guten Mann“. Gerade hatten wir nach stundenlanger, zäher Anstrengung einen anderen Schleppzug überholt. „Wir“, das war natürlich das Verdienst unserer Räderboot. Die MAINPERLE mit ihren 372 Tonnen und dem dicken, holländischen Kopf hing wie immer auf Nummer letzt. !

Unser Lukendach war zugedeckt. Eigentlich ein schöner Spielplatz, aber wegen der Dachneigung nicht ganz ungefährlich, und Gangbordgeländer hat die BSBG (Binnenschifffahrts-Berufsgenossenschaft) erst viel später vorgeschrieben.
In der heiteren Mittagssonne war alles recht lustig und Bobby flitzte unentwegt auf dem Dach hin und her, weil ich ihm Kachelhölzchen warf. Es war eine seiner Leidenschaften, geworfenen Kachelhölzchen nachzu­jagen und sie wieder zu bringen. (Das adelsmäßige „Apportieren“ wäre für Bobby nicht der richtige Ausdruck gewesen.) Und mit diesem ständigen sportlichen Hin und Her war er mit sich steigerndem Eifer und voll Be­sessenheit beschäftigt, flitzte immer schneller, wurde immer aufgereg­ter, und da ---- bei Aufschnappen eines Kachelhölzchens in einer mei­sterhaften, piruettenartigen Wende kugelte er herum, verlor mit den Krallen den Halt auf dem geneigten, doch zu glatten Lukendach, rollte abwärts ohne etwas Hemmendes zu finden –    und fiel ins Wasser. Platsch!
Während der Fahrt!    - Im Schleppzug!   - Aus!

Ach, was gab das ein Jammern und Gezeter auf der MAINPERLE, aber Hilfe gab es keine. Einsam schwamm Bobby voller Lebensangst und ohne Orientierung im breiten Rheinstrom zu Tal. Unsere Fahrt ging nach Dampfbootsgesetz einfach weiter, wir konnten nichts anderes tun, als nach ihm Ausschau halten. Und ach, auch das noch, die Räderboot, die wir gerade überholt hatten, dampfte in seinem Schwimmkurs. Er trieb geradewegs auf den Backbord-Radkasten zu. Das sollte das Ende sein.

Nein, sieh da, er bemerkte instinktiv die Gefahr und paddelte irgendwie, von Todes­angst getrieben, drum herum, geriet in die Wellen hinter dem Rad – und schwamm tatsächlich noch immer.

Mit dem Glas konnten wir sehen, daß auf einem der Anhänge die Tragödie erkannt wurde und daß ein beherzter Matrose mit dem Nachen (Rettungsboot an Bord) während der Fahrt heraus fuhr, Bobby rettete und dann auf dem nächsten Anhang auskam. Verdammt gefährlich, denn es war auf Backbord wo die Schleppstränge liefen. (Damals hatte man noch gelernt, Nachen zu fahren)

Das war also die Rettung. Wir mußten dann nur am Feierabend, als die Schleppzüge vor Anker lagen – man entfernte sich ja im Schleppzug nicht weit voneinander – noch mit unserer Schlupp *) das Stück zu Tal fahren und konnten unseren Bobby wieder abholen. Ein Glück!

Nun mußte ich natürlich eine Rettungsprämie an den Matrosen zahlen. Es waren 2,30 Mark, die ich besaß, und die hatte ich mir mühsam erarbeitet, indem ich an jeder Schleuse in die Schlupp klettern mußte, um den Motor abzustellen und wieder anzulassen. Das war nicht einfach, weil das Anlas­serritzel von Hand in den Schwungrad-Zahnkranz ein- und bei laufendem Motor wieder ausge­schwenkt werden mußte. Für diese Expertentätigkeit bekam ich pro Schleuse 10 Pfennig.

Und da waren er nun hin, der Lohn für eine ganze Bergreise auf dem Main. Aber Bobby war wieder da, und alle freuten sich.

*) Schlupp
Wer heute nicht mehr weiß was das ist:
..ein größerer Nachen, mit einem Motor ausgerüstet, 50 bis 100 PS, der am Steuerbord-Heckpoller mit seinem Steven fest vertäut und gezeist war, und so das Schiff schieben konnte. Gesteuert wurde das Schiff mit seinem großen Schleppschiffs­ruder, das in der Leerfahrt mit einem Seefang verlängert wurde. Die Schlupp war unbemannt, zum Anlassen und Abstellen des Mo­tors mußte einer hinunter turnen. Eine Drehzahlverstellung er­folgte über losen Seilzug (Braunkohle-Endchen). Ein Zurück des Verbandes gab es nicht. Dafür hatte man damals Zeit zum Trei­ben lassen, oder das Heckanker, das man dann von Hand wie­der hoch drehen mußte..

 


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