Bobby

von Klaus Schmitt
Wie
Landgänge den Seemann verderben
Bobby wurde
erwachsen. Vielleicht ist damit auch gemeint,
er wurde geschlechtsreif. Einmal gab es ein
großes Getöse von der Schiffersfrau eines
Nachbarschiffes, weil Bobby sich über eine
weiße Spitz-Dame hergemacht hatte. Die sollte
einem vornehmen Stammbaum angehören, der nun
wohl verdorben wäre. (...natürlich nur, wenn
man darüber redet, was ja die Spitzin selbst
nie getan hätte.) Nur - wir mussten eine
Abtreibung bezahlen.
Bobby wusste von
diesen Kalamitäten aber nichts und hatte nur
ein so genanntes freudiges Schlüsselerlebnis,
das sich leicht wiederholen ließ, wenn man nur
in die richtige Gesellschaft kam. Dabei war
„weiß“ und „Spitz-Dame“ nicht ganz so wichtig.
Nur Hühner, die es bei uns an Bord im Herft
wohl gab, waren untauglich. Man musste somit
schon den seemännischen Landgang anpeilen.
Das gewöhnte er
sich dann auch fix an, und wann immer sich die
Möglichkeit ergab, suchte er das Weite. Und
manchmal lief er sehr weit hinter
Lustversprechenden Gerüchen her. So konnten
wir ihn einmal, als die MAINPERLE im
Würzburger Alten Hafen lag, fröhlich auf der
Julius-Promenade promenieren sehen.
In
Würzburg ging er oft aus. Einmal aber war die
MAINPERLE weggefahren. Unser Bobby suchte und
suchte sein Schiff, fand es nicht und setzte
sich dann vor dem MSG-Büro vor die Türe. Das
wusste er: da musste der Karl Schmitt ja
irgendwann wieder mal raus kommen. Der
Schiffer Alfred Müssig, der unseren Bobby
kannte, hat ihn dann an Bord des „FAHR WOHL“
genommen und uns nach Ochsenfurt nach
gebracht. Da hatten wir ihn wieder.
In Ruhrort einmal traf Mutter beim Einkaufen
den lustig streunenden Bobby. Der spazierte
keck und munter auf dem Neumarkt herum und als
er
sie gewahrte, wechselte er einfach frech die
Straßenseite. Nein, ein schlechtes Gewissen
hatte er dabei nicht.
Einmal lagen wir in Köln außen auf der Mauer
am Rheinauhafen. Wir hatten da Sackgut zu
löschen. Das dauerte lange, und es war auch
ein Wochenende noch dazwischen. So war halt
die Schifffahrt damals. - Schön für einen
ausgedehnten Köln-Bummel.
Das
dachte sich auch unser Bobby und - war weg.
(Man könnte sich ihn vorstellen, mit
weißgestreiftem Dandy-Anzug, Gamaschen,
Strohhut und Spazierstöckchen ....) Nach dem
zweiten Tag mussten wir ihn ernsthaft als
vermisst registrieren. Am dritten Tag gab ich
die Hoffnung ganz auf und wettete mit meinem
Vater um 50 Pfennig, dass Bobby nicht mehr
wieder käme. Mein Vater hielt die Wette – und
prompt kam Bobby wieder, schlenderte an Bord,
als wenn nichts gewesen wäre. Das Schlimme
dabei war nur: Vater nahm die 50 Pfennig auch
tatsächlich von mir an und kaufte sich davon
eine schöne Zigarre. So können einen Landgänge
ruinieren!
Nun
erhielt Bobby ein Halsband und mit einem
Braunkohle-Endchen*) wurde er an seine Hütte
gebunden, immer wenn ein Landgang sehr
reizvoll war, und - wie die Erfahrung lehrte -
war das vornehmlich in Städten, in denen es
einen Dom gab oder ein Freudenhaus.
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*)
Braunkohle-Endchen
Wer heute nicht mehr
weiß was das ist:
Beim Transport von
Briketts von Wesseling gab es Deckslast,
die dachförmig mit Deckkleidern
abgedeckt werden musste. Diese wurden an
den Rändern mit dünnen Hanfleinen
festgezurrt. Diese Leinen, so lang waren
sie nicht, wurden Endchen genannt, waren
recht stark und gut mit Braunteer
konserviert. (Ich weiß heute noch, wie
gut die immer gerochen haben.) Diese
Endchen waren sehr beliebt, konnte man
sie doch an Bord immer brauchen.
In Würzburg mussten
die Deckkleider und die Leinen wieder
abgegeben werden. Es war alles genau
abgezählt.
Also suchte man sich ein älteres Endchen
aus, hackte das in zwei Stücke, konnte
die registrierte Stückzahl abgeben und
ein gutes, neues Endchen blieb aus
Versehen im Herft liegen. Ich habe heute
noch welche davon.
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