Flaschenpost Nr. 1
März 2003                   Jahrgang 8

Bobby

von Klaus Schmitt 

Wie Landgänge den Seemann verderben 

Bobby wurde erwachsen. Vielleicht ist damit auch gemeint, er wurde geschlechtsreif. Einmal gab es ein großes Getöse von der Schiffersfrau eines Nachbarschiffes, weil Bobby sich über eine weiße Spitz-Dame hergemacht hatte. Die sollte einem vornehmen Stammbaum angehören, der nun wohl verdorben wäre. (...natürlich nur, wenn man darüber redet, was ja die Spitzin selbst nie getan hätte.) Nur - wir mussten eine Abtreibung bezahlen.

Bobby wusste von diesen Kalamitäten aber nichts und hatte nur ein so genanntes freudiges Schlüsselerlebnis, das sich leicht wiederholen ließ, wenn man nur in die richtige Gesellschaft kam. Dabei war „weiß“ und „Spitz-Dame“ nicht ganz so wichtig. Nur Hühner, die es bei uns an Bord im Herft wohl gab, waren untauglich. Man musste somit schon den seemännischen Landgang anpeilen.

Das gewöhnte er sich dann auch fix an, und wann immer sich die Möglichkeit ergab, suchte er das Weite. Und manchmal lief er sehr weit hinter Lustversprechenden Gerüchen her. So konnten wir ihn einmal, als die MAINPERLE im Würzburger Alten Hafen lag, fröhlich auf der Julius-Promenade promenieren sehen.

In Würzburg ging er oft aus. Einmal aber war die MAINPERLE weggefahren. Unser Bobby suchte und suchte sein Schiff, fand es nicht und setzte sich dann vor dem MSG-Büro vor die Türe. Das wusste er: da musste der Karl Schmitt ja irgendwann wieder mal raus kommen. Der Schiffer Alfred Müssig, der unseren Bobby kannte, hat ihn dann an Bord des „FAHR WOHL“ genommen und uns nach Ochsenfurt nach gebracht. Da hatten wir ihn wieder.

In Ruhrort einmal traf Mutter beim Einkaufen den lustig streunenden Bobby. Der spazierte keck und munter auf dem Neumarkt herum und als er sie gewahrte, wechselte er einfach frech die Straßenseite. Nein, ein schlechtes Gewissen hatte er dabei nicht.

Einmal lagen wir in Köln außen auf der Mauer am Rheinauhafen. Wir hatten da Sackgut zu löschen. Das dauerte lange, und es war auch ein Wochenende noch dazwischen. So war halt die Schifffahrt damals. - Schön für einen ausgedehnten Köln-Bummel.

Das dachte sich auch unser Bobby und  -  war weg. (Man könnte sich ihn vorstellen, mit weißgestreiftem Dandy-Anzug, Gamaschen, Strohhut und Spazierstöckchen  ....)  Nach dem zweiten Tag mussten wir ihn ernsthaft als vermisst registrieren. Am dritten Tag gab ich die Hoffnung ganz auf und wettete mit meinem Vater um 50 Pfennig, dass Bobby nicht mehr wieder käme. Mein Vater hielt die Wette – und prompt kam Bobby wieder, schlenderte an Bord, als wenn nichts gewesen wäre. Das Schlimme dabei war nur: Vater nahm die 50 Pfennig auch tatsächlich von mir an und kaufte sich davon eine schöne Zigarre. So können einen Landgänge ruinieren!

Nun erhielt Bobby ein Halsband und mit einem Braunkohle-Endchen*) wurde er an seine Hütte gebunden, immer wenn ein Landgang sehr reizvoll war, und - wie die Erfahrung lehrte - war das vornehmlich in Städten, in denen es einen Dom gab oder ein Freudenhaus.

*) Braunkohle-Endchen

Wer heute nicht mehr weiß was das ist:

Beim Transport von Briketts von Wesseling gab es Deckslast, die dachförmig mit Deckkleidern abgedeckt werden musste. Diese wurden an den Rändern mit dünnen Hanfleinen festgezurrt. Diese Leinen, so lang waren sie nicht, wurden Endchen genannt, waren recht stark und gut mit Braunteer konserviert. (Ich weiß heute noch, wie gut die immer gerochen haben.) Diese Endchen waren sehr beliebt, konnte man sie doch an Bord immer brauchen.

In Würzburg mussten die Deckkleider und die Leinen wieder abgegeben werden. Es war alles genau abgezählt.
Also suchte man sich ein älteres Endchen aus, hackte das in zwei Stücke, konnte die registrierte Stückzahl abgeben und ein gutes, neues Endchen blieb aus Versehen im Herft liegen. Ich habe heute noch welche davon.

 

 


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