Des einen
Freud, des anderen Leid
Mein größtes Kinderglück
war Hochwasser!
In den 60er Jahren war ich
ungefähr 9 oder 10 Jahre alt, ging in die 3.
oder 4. Klasse. Ich wohnte mit meiner kleinen
Schwester im Schifferkinderheim
Mannheim-Seckenheim, zusammen mit etwa 165
anderen Kindern. Wir gingen von dort aus in
die örtliche Volksschule und nach der Schule
wieder zurück ins Heim.
Aber damals war alles anders:
Ende Januar/Anfang Februar war Hochwasser, für
mich damals das größte Glück in meinem
Kinderherz. Meine Eltern lagen mit dem Schiff
etwas unterhalb der Kurpfalzbrücke wegen
Hochwasser; die Schifffahrt auf dem Neckar war
eingestellt worden.
So ein Glück, ein Geschenk des Himmels, so ein
Hochwasser! Wir durften nach der Schule nach
Hause, nach Hause zu unseren Eltern an Bord.
Nach der Schule nach Hause, genau wie die
Landkinder! Das war toll, wir fuhren damals
zusammen, meine kleine Schwester und ich, mit
der OEG bis zur Kurpfalzbrücke. Dort hat Papa
oder mein Bruder schon immer auf uns gewartet.
Zusammen gingen wir über die Kurpfalzbrücke,
links rum, noch ein kleines Stück geradeaus
bis zu unserem Nachen (Rettungsboot). Mit dem
Nachen sind wir dann an Bord gefahren.
Mama hat uns immer freudig empfangen. Sie
stand schon im Gangbord, wenn wir mit dem
Nachen kamen. Wir wurden gedrückt und
geknuddelt (etwas, was wir nach der Schule
nicht kannten). Mama hat gekocht, immer unser
Lieblingsessen. Hmm, das schmeckte lecker –
zum Nachtisch gab es Eis, oder Vanillepudding,
oder, oder . Sie kochte alles, was wir
wollten.
Mama und Papa haben mit uns Hausaufgaben
gemacht und anschließend haben wir zusammen
gespielt. Einmal ist Mama mit uns in die Stadt
und hat uns Kleider gekauft; es war toll! Mit
Mama einzukaufen war viel schöner als mit Frau
Lampe, unserer Erzieherin, die mit uns
einkaufen ging, wenn wir im Heim etwas
brauchten.
Abends, so etwa um 17.00
Uhr war dann großer Abschied. Auf dem gleichen
Weg wie wir gekommen waren, ging es zurück.
Die Nacht verbrachten wir wieder im
Schifferkinderheim.
Dann gingen wir wieder in die Schule und nach
der Schule, nach Hause, genau wie all die
anderen Kinder in Mannheim.
Wie lange das so ging, weiß
ich nicht mehr genau - etwa ein oder zwei
Wochen – jedenfalls erinnere ich mich immer,
wenn Hochwasser ist, mit Freude an diese Zeit.
Erlebt von Karin Bever
auf MS „TUISCO 2“ |