Flaschenpost Nr. 1
März 2003                   Jahrgang 8

Des einen Freud, des anderen Leid

Mein größtes Kinderglück war Hochwasser!

In den 60er Jahren war ich ungefähr 9 oder 10  Jahre alt, ging in die 3. oder 4. Klasse. Ich wohnte mit meiner kleinen Schwester im Schifferkinderheim Mannheim-Seckenheim, zusammen mit etwa 165 anderen Kindern. Wir gingen von dort aus in die örtliche Volksschule und nach der Schule wieder zurück ins Heim.
Aber damals war alles anders:
Ende Januar/Anfang Februar war Hochwasser, für mich damals das größte Glück in meinem Kinderherz. Meine Eltern lagen mit dem Schiff etwas unterhalb der Kurpfalzbrücke wegen Hochwasser; die Schifffahrt auf dem Neckar war eingestellt worden.
So ein Glück, ein Geschenk des Himmels, so ein Hochwasser! Wir durften nach der Schule nach Hause, nach Hause zu unseren Eltern an Bord. Nach der Schule nach Hause, genau wie die Landkinder! Das war toll, wir fuhren damals zusammen, meine kleine Schwester und ich, mit der OEG bis zur Kurpfalzbrücke. Dort hat Papa oder mein Bruder schon immer auf uns gewartet. Zusammen gingen wir über die Kurpfalzbrücke, links rum, noch ein kleines Stück geradeaus bis zu unserem Nachen (Rettungsboot). Mit dem Nachen sind wir dann an Bord gefahren.
Mama hat uns immer freudig empfangen. Sie stand schon im Gangbord, wenn wir mit dem Nachen kamen. Wir wurden gedrückt und geknuddelt (etwas, was wir nach der Schule nicht kannten). Mama hat gekocht, immer unser Lieblingsessen. Hmm, das schmeckte lecker – zum Nachtisch gab es Eis, oder Vanillepudding, oder, oder .  Sie kochte alles, was wir wollten.
Mama und Papa haben mit uns Hausaufgaben gemacht und anschließend haben wir zusammen gespielt. Einmal ist Mama mit uns in die Stadt und hat uns Kleider gekauft; es war toll! Mit Mama einzukaufen war viel schöner als mit Frau Lampe, unserer Erzieherin, die mit uns einkaufen ging, wenn wir im Heim etwas brauchten.

Abends, so etwa um 17.00 Uhr war dann großer Abschied. Auf dem gleichen Weg wie wir gekommen waren, ging es zurück. Die Nacht verbrachten wir wieder im Schifferkinderheim.
Dann gingen wir wieder in die Schule und nach der Schule, nach Hause, genau wie all die anderen Kinder in Mannheim.

Wie lange das so ging, weiß ich nicht mehr genau - etwa ein oder zwei Wochen – jedenfalls erinnere ich mich immer, wenn Hochwasser ist, mit Freude an diese Zeit.

Erlebt von Karin Bever auf MS „TUISCO 2“

 


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