Bobby 
Von Klaus Schmitt
Wie Ruhrort das Ende der Reise war
Viele Schiffsreisen
begannen einst in Ruhrort. Viele Schiffsreisen
endeten in Ruhrort. Wie viele Schiffe lagen
einstmals zwischen diesen Reisen am Luftball,
am Homberger Ort, am Schreckling, in der
Ruhrmündung, in den Hafenbecken und warteten
auf Laden, Löschen, Schleppen, Reparatur. Wie
viele Schiffsleute wuselten einst geschäftig
durch Ruhrort, um Schiffsreisen abzuschließen,
Order zu holen, Schiffsmaterial und
Lebensmittel einzukaufen, Leute anzuheuern,
Behördengänge zu erledigen, ja, - und auch um
sich zu vergnügen. Ruhrort war das
Schifferzentrum schlechthin, die Hoffnung der
Schiffer, die Sehnsucht der Matrosen, der
Sündenpfuhl in den Augen fränkischer
Schiffersfrauen. Die Ruhrischen hatten ihren
Ruf. (z.B. „Vadder tu die Mutter weg, die
Hanieler kumme!“)
Ruhrort im Eiswinter 1955. Auf dem Strom ging
nichts mehr. Ruhrort musste als Schutzhafen
aufgesucht werden. Auch die MAINPERLE war
dabei, lag dort mit vielen anderen Schiffen.
Wie günstig, der Landgang war für Bobby
unproblematisch. Klar, der wurde dann auch zur
täglichen Selbstverständlichkeit. Ruhrort
wurde Bobbys Stadt! - Bloß - eines Tages kam
Bewegung in die Schiffe. Die MAINPERLE wurde
in einen anderen Hafen verschleppt. Und
Rohrort war damals noch ein wirklich großer
Hafen. Ja, und da konnte nun Bobby seine
MAINPERLE nicht mehr finden. Bei dieser Kälte
riecht ein Schiff ja auch nicht so stark. Ach,
wer weiß, wo er überall herumsuchte. Hungrig,
müde, frierend, ausgelaugt und matt. Niemand
weiß es.
In bitterer Eiseskälte ist er wohl einsam
durch Ruhrort gestrolcht. Wer weiß, was er zu
fressen fand. Wer weiß, wo er sich zum
Schlafen verkriechen konnte. Wer weiß, wie er
sich mit fremden Hunden – und die waren ja
frech wie Zuhälter – vertragen konnte.
Einmal wurde er noch gesehen – er war ja bei
den Mainschiffern bekannt – da schlich er auf
dem Gildenplatz um die Treppe, die zum Puff
hinauf führte. (Der etwas teurere). Da hatte
schon mal einer, der da eiligst rein wollte,
eine halbe Bratwurst weggeworfen. Was soll man
auch mit einer halben Wurst im Puff? So macht
man dann halt als Streuner mal eine positive
Erfahrung und hofft auf Wiederholung.
(Wer das war, der Bobby noch mal gesehen hat,
das kann ich nicht sagen. Versteht sich!
Ehrenwort!)
Gegenüber jener
Treppe war der Pferdemetzger Thieß, wo die
Matrosen gern erst mal eine preiswerte
Grundlage fanden, bevor sie sich aufmachten,
zum Zug durch die Gemeinde. „Hippmann“ *),
„Stadt Rotterdam“, und dann, und dann .... ja,
da auch, oder da, wo es preiswerter war.
Vielleicht .... ist Bobby ja gar nicht
erfroren. ..... Wir haben jedenfalls von Bobby
nie mehr etwas gehört und gesehen.
Aber heute noch, in
bestimmten kalten Nächten, wenn es sehr
windstill ist und ein fahler Mond über
Untermeiderich aufgeht, kann man manchmal in
der Gegend, wo früher das Weidentor war, noch
deutlich ein leises Gekläffe hören, gerade so,
wie Bobby immer gebellt hatte, etwas frech und
doch ängstlich zugleich. Jeder von der
MAINPERLE hätte ihn daran sofort erkannt. Aber
die MAINPERLE kommt auch längst nicht mehr
nach Ruhrort. Sie verbrachte ihre alten Tage
in der Kiesfahrt am Obermain. Nur einmal fuhr
sie noch an der Mühlenweide entlang, in
Richtung ihrer Bauwerft, - wie ein
altersgrauer Aal zur Sargasso-See strebt - auf
dem Weg nach Rotterdam zum Abwracken.
*)
Hippmann
Wer heute nicht mehr weiß was das ist:
Jeder Schmelzer wurde irgendwann kollegial von
den Matrosen dort eingeführt. Das war eines
jener Etablissements in Ruhrort, die man als
Matrose einfach kennen mußte. Das gehörte
sozusagen zur Streckenkunde und wehe, man kam
auf die Schifferschule und kannte das nicht.
Berühmt waren auch die „Stadt Rotterdam“ (mit
Schwof) und „Zum Anker“ oder wie Insider
sagten: bei Tante Olga. (mit Damen, die aber
nicht schöner waren als Tante Olga selbst).
Natürlich gab es noch viel, viel mehr feine
Lokale.
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