Flaschenpost Nr. 3
September 2003            Jahrgang 8

Bobby 

Von Klaus Schmitt

Wie Ruhrort das Ende der Reise war 

Viele Schiffsreisen begannen einst in Ruhrort. Viele Schiffsreisen endeten in Ruhrort. Wie viele Schiffe lagen einstmals zwischen diesen Reisen am Luftball, am Homberger Ort, am Schreckling, in der Ruhrmündung, in den Hafenbecken und warteten auf Laden, Löschen, Schleppen, Reparatur. Wie viele Schiffsleute wuselten einst geschäftig durch Ruhrort, um Schiffsreisen abzuschließen, Order zu holen, Schiffsmaterial und Lebensmittel einzukaufen, Leute anzuheuern, Behördengänge zu erledigen, ja,  - und auch um sich zu vergnügen. Ruhrort war das Schifferzentrum schlechthin, die Hoffnung der Schiffer, die Sehnsucht der Matrosen, der Sündenpfuhl in den Augen fränkischer Schiffersfrauen. Die Ruhrischen hatten ihren Ruf. (z.B. „Vadder tu die Mutter weg, die Hanieler kumme!“)

Ruhrort im Eiswinter 1955. Auf dem Strom ging nichts mehr. Ruhrort musste als Schutzhafen aufgesucht werden. Auch die MAINPERLE war dabei, lag dort mit vielen anderen Schiffen. Wie günstig, der Landgang war für Bobby unproblematisch. Klar, der wurde dann auch zur täglichen Selbstverständlichkeit. Ruhrort wurde Bobbys Stadt!   - Bloß - eines Tages kam Bewegung in die Schiffe. Die MAINPERLE wurde in einen anderen Hafen verschleppt. Und Rohrort war damals noch ein wirklich großer Hafen. Ja, und da konnte nun Bobby seine MAINPERLE nicht mehr finden. Bei dieser Kälte riecht ein Schiff ja auch nicht so stark. Ach, wer weiß, wo er überall herumsuchte. Hungrig, müde, frierend, ausgelaugt und matt. Niemand weiß es.

In bitterer Eiseskälte ist er wohl einsam durch Ruhrort gestrolcht. Wer weiß, was er zu fressen fand. Wer weiß, wo er sich zum Schlafen verkriechen konnte. Wer weiß, wie er sich mit fremden Hunden – und die waren ja frech wie Zuhälter – vertragen konnte.

Einmal wurde er noch gesehen – er war ja bei den Mainschiffern bekannt – da schlich er auf dem Gildenplatz um die Treppe, die zum Puff hinauf führte. (Der etwas teurere). Da hatte schon mal einer, der da eiligst rein wollte, eine halbe Bratwurst weggeworfen. Was soll man auch mit einer halben Wurst im Puff? So macht man dann halt als Streuner mal eine positive Erfahrung und hofft auf Wiederholung.  

(Wer das war, der Bobby noch mal gesehen hat, das kann ich nicht sagen. Versteht sich! Ehrenwort!)

Gegenüber jener Treppe war der Pferdemetzger Thieß, wo die Matrosen gern erst mal eine preiswerte Grundlage fanden, bevor sie sich aufmachten, zum Zug durch die Gemeinde. „Hippmann“ *), „Stadt Rotterdam“, und dann, und dann .... ja, da auch, oder da, wo es preiswerter war.

Vielleicht .... ist Bobby ja gar nicht erfroren. ..... Wir haben jedenfalls von Bobby nie mehr etwas gehört und gesehen.

Aber heute noch, in bestimmten kalten Nächten, wenn es sehr windstill ist und ein fahler Mond über Untermeiderich aufgeht, kann man manchmal in der Gegend, wo früher das Weidentor war, noch deutlich ein leises Gekläffe hören, gerade so, wie Bobby immer gebellt hatte, etwas frech und doch ängstlich zugleich. Jeder von der MAINPERLE hätte ihn daran sofort erkannt. Aber die MAINPERLE kommt auch längst nicht mehr nach Ruhrort. Sie verbrachte ihre alten Tage in der Kiesfahrt am Obermain. Nur einmal fuhr sie noch an der Mühlenweide entlang, in Richtung ihrer Bauwerft,  - wie ein altersgrauer Aal zur Sargasso-See strebt - auf dem Weg nach Rotterdam zum Abwracken.

 

*) Hippmann
Wer heute nicht mehr weiß was das ist:
Jeder Schmelzer wurde irgendwann kollegial von den Matrosen dort eingeführt. Das war eines jener Etablissements in Ruhrort, die man als Matrose einfach kennen mußte. Das gehörte sozusagen zur Streckenkunde und wehe, man kam auf die Schifferschule und kannte das nicht.
Berühmt waren auch die „Stadt Rotterdam“ (mit Schwof) und „Zum Anker“ oder wie Insider sagten: bei Tante Olga. (mit Damen, die aber nicht schöner waren als Tante Olga selbst). Natürlich gab es noch viel, viel mehr feine Lokale.
 


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