Flaschenpost Nr. 3
September 2003            Jahrgang 8

Am Ludwigskanal 

Klaus Schmitt 2003

Etwa 100 Jahre lang war der Ludwig-Donau-Main-Kanal in Betrieb. Konstruiert und lange betrieben als Wasserstraße für die  Treidelschifffahrt. 1945 zerbombt, war der Kanal für eine durchgehende Schifffahrt zwischen Main und Donau nicht mehr brauchbar.  Aber von Neumarkt nach Kehlheim erhielt sich bis 1952 noch ein unermüdlicher Rest der traditionellen Nutzung.

Bevor der alte Kanal ganz in die unterste Schublade der Vergessenheit geriete, sind wir, meine Frau und ich, 1974 von Nürnberg bis Kehlheim den ganzen langen Leinpfad zu Fuß abgewandert; der Ludwigskanal sollte einen würdigen und einprägsamen Platz im Speicher unserer Erinnerung behalten, bevor der neue Main-Donau-Kanal so manches Bild zerstören  musste.

Da lebte er für uns noch einmal auf, in seiner stillen Bescheidenheit, in seiner durch Ausdauer verbindenden Kraft, in seiner landschaftlichen Schönheit, im Studium seiner Baugeschichte, in den Schilderungen vieler Leute, die wir am Wege nach Erlebnissen vergangener Tage befragten. Auch wenn es jetzt keine Schiffe mehr zu sehen gab, konnte man sich dennoch die Bilder formen aus dem gerade noch Sichtbaren und aus dem lebendig Erzählten.

Wie damals die Kinder im Frühjahr von den Äckern lärmend zum Kanal rannten, wenn es das erste Schiff im Jahr zu begrüßen galt, - wie in den Gaststätten “Zum Ludwigskanal“ ein derbes Treiben der Schiffer dem anstrengenden Tagewerk eine – manchmal johlende -  Krönung gab, - wie im Sommer ein heiterer Badebetrieb auflebte, - wie sich bescheidene aber fröhliche Ausflugsgesellschaften der gemütlichen „Schlagrahmdampfer“  erfreuten,  - wie der jetzt noch berühmte Kanalkarpfen auf den Speisekarten etablierte, - wie spektakuläre Schiffspassagen von „kanalfremden“ Schiffsgebilden zum Tagesgespräch wurden, - wie Schiffer während der Fahrt mal eben an Land sprangen, um fremde Kühe zu melken oder Hasen zu jagen, - wie die Ernte der 40.000 Apfelbäume, die dermaleinst zur Kanalbefestigung gepflanzt worden waren, ein munteres Leben auf die Leinpfade brachte, - wie im Winter ein herrlicher Schlittschuhtrubel auf eine schön lange, eisige Piste ging, - wie die Brauereien die Eisblöcke schnitten, für die so wichtige Kühlung der Bierfässer im nächsten Sommer.

Romantische Beschreibungen der Kanallandschaft – Ausdruck einer stillen Liebe zum Kanal – finden sich immer wieder. So liest man im Fürther Tagblatt 1934 unter dem Titel „Spätsommer am Kanal“:

 „Der Kanal bietet jedem, der sie ehrlich sucht, mannigfaltige Reize. Wie oft wurden sie schon in den lebhaftesten Farben geschildert, wie oft erlebte man sie und doch sind sie bei der jedesmaligen Neuentdeckung von eigenartiger, fremder und faszinierender Wirkung. Die Kanalwege hinunter nach Kronach schenken im Herbst andere Bilder als im Frühjahr. Ein leiser Hauch von Wehmut, von Abschied liegt über dem Land. Der Spätsommer untermalt mit seinen zarten Farben der Melancholie die Herbheit der Kanallandschaft.“ 

Fast still in Ehrfurcht lauscht man den Schilderungen, die die damalige Treidelei beschreiben, - wie man als Schiffreiter die Nacht nicht mit den lauten Schiffern, sondern im Stall bei seinem Pferd verbringt, - wie man des morgens um 5 Uhr, während die Schiffer noch schnarchen, sein Pferd langsam füttert und tränkt,  - wie man ein Pferd überhaupt abrichtet, sich ganz, ganz langsam ins Geschirr zu legen, um die schwere Last des beladenen Schiffes anzuschleppen, ohne sich Zerrungen zuzuziehen. Bis zu 50 km konnte mancher Tagesmarsch lang sein.

Der letzte Schiffer, der dort mit Schiff und Pferd Langholz transportiert hatte, war Franz Barth aus Ihrlerstein. Schon über 20 Jahre war er im Ruhestand, als wir ihn auf seinem Hof besuchten. Stolz mit der Schiffermütze saß er auf einer Holzbank am Hühnerstall. Bei Bier und Ribbelkuchen erzählte er  von seinen vielfältigen Erlebnissen auf dem Kanal.

Einmal, sein Schiff wurde gerade in eine Schleuse gezogen  - und das war immer mit viel Aufmerksamkeit verbunden, weil ja die Schiffe nur wenige Zentimeter kürzer und schmaler waren, als die Schleusenkammer – da gab es eine interessante Abwechslung. Auf der Schleusenplattform war ein Automobil vorgefahren. Eine vergnügt schnatternde Gesellschaft war ausgestiegen und beobachtete mit lebhafter Interessiertheit den Schleusenvorgang, gönnte sich einen erheiternden Blick in die gewöhnliche Welt der biederen Schifferarbeit. Eine der feinen Damen mit einem modernen riesengroßen Hut flötete ganz blasiert: „Waaas, sooo langsam geht das? Ja, da würde ich ja glatt verrückt dabei!!“
Franz Barth, besonnen am Ruder zu seinem Schiffreiter: „Ah – die ist ja schon verrückt!“

Auf dem Holz einer Wirtshauswand zwischen Erlangen und Fürth stand noch vor Jahren, mit Bleistift von ungelenker Hand notiert, der Vers:

„Schöner, alter, stiller Kanal,
fließt immer nur eben.
Was scheren dich Berge,
was schert dich das Tal;
gleichst im Gleichmut dem Leben.“

 


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