Flaschenpost Nr. 4
Dezember 2003             Jahrgang 8

Erinnerungen an das Schifferkinderheim Mannheim-Seckenheim
von 1959 - 1967

Das Haus erstrahlt im Lichtermeer

Es ist Sonntag der 1. Advent
Alle Kinder werden sehr früh am Morgen geweckt. Unser Schlafsaal befindet sich direkt unter dem Dach. Jeder sieht zu, dass er möglichst schnell fertig ist mit der Morgentoilette.
Gespannt stellen wir uns in Zweierreihen auf und warten. Wir warten auf unsere Erzieherin, die gleich mit den Kerzenständern und den Kerzen kommen muss.
Sie kommt, sie kommt, sie kommt, raunt es durch die Reihen. Tatsächlich, da kommt sie; sie hat einen großen Karton dabei. Jetzt macht sie den Karton auf, entnimmt etwas und verteilt an jeden handgroße silberne, hölzerne, fünfzackige Kerzenständer. Wenn alle eine haben, bekommen wir noch jeder eine Kerze, die in den Kerzenständer gesteckt wird.
„Bitte Ruhe, geordnet aufstellen, Ruhe da hinten!“ sagt die Erzieherin.
Das Licht wird gelöscht, die Kerzen werden von den Erzieherinnen angezündet. Es geht los!
Alle stehen nun andächtig da mit dem silbernen, hölzernen, fünfzackigen Kerzenständer mit einer brennenden Kerze in der Hand.
Langsam setzen wir uns in Bewegung. Die große Steintreppe hinunter, ganz langsam Schritt vor Schritt, damit das Licht ja nicht ausgeht, oder einer stolpert!
Nachdem wir den 1. Stock passiert haben, reihen sich die Buben hinter uns genauso ein. Wir gehen ins Erdgeschoss, vorbei an unseren Tagesräumen, vor denen Stühle oder Hocker stehen, die mit brennenden Kerzen oder Tannenzweigen geschmückt sind. Oh wie schön!
Auch innen wurden die Räume festlich dekoriert und es brennen Kerzen. Alles leuchtet und glitzert! Vor den Zimmern der Erzieher stehen die Lichter manchmal auch auf dem Boden.
Nach dem Rundgang im Erdgeschoss geht es im 1. Stock weiter.  Wir dürfen die Bubenetage von innen sehen! Auch hier, das haben wohl die Erzieher in der Zwischenzeit gemacht, leuchtet, glitzert und glimmert es überall vor den Räumen.
Die Mädchenetage ist zwischenzeitlich auch prachtvoll geschmückt worden. Auch auf den Fenstersimsen, den Schuhputzbänken im Keller, vor den Duschen, vor der Waschküche, vor der Nähstube, vor dem Büro, vor der Wohnung der Hauseltern, in den Zwischenfenstern, überall im Haus, wo etwas aufgestellt werden kann, ist festlich geschmückt. Tannen, Pyramiden, Engel, Nussknacker, Sterne, Girlanden, Kugeln, Lametta, Kerzen, Leuchter, Lichter, Laternen, alles was das bevorstehende Weihnachtsfest verschönt, ist hier zu sehen.

Das ganze Haus erstrahlt in einem unheimlich prachtvollen Lichter- und Glimmermeer.

So setzen wir unseren Rundgang andächtig durchs ganze Haus fort und singen dabei Lieder, wie etwa

Es kommt ein Schiff geladen
Eine feste Burg ist unser Gott
Macht hoch die Tür
Es ist für uns eine Zeit angekommen
Es ist ein Ros entsprungen
Lobt Gott ihr Christen all zu gleich
Vom Himmel hoch ihr Englein kommt

Unsere Ehrfurcht vor der Pracht, vor dem Glimmer, vor dem Glanz ist riesengroß.
Der andächtige Zug endet im Speisesaal, wo ebenfalls im Lichtermeer (die brennenden Kerzen vor uns am Platz) gebetet und gefrühstückt wird. Der Speisesaal ist schon seit dem 1. Advent mit großen von der Decke herabhängenden Adventskränzen geschmückt. Der eine Kranz hat auch echte Kerzen, die vom Hausvater Herr Hoppe angezündet werden, wenn wir zum Essen in den Speisesaal kommen. 

Karin Bever, Ludwigshafen

 

 


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