Flaschenpost Nr. 1
März 2004                   Jahrgang 9

Lest selbst, oder lasst Euch vorlesen!

Die Flaschenpost

Lies und Len waren an der See und gingen am Strand spazieren. Da sahen sie eine Flasche im Wasser schwimmen. „Guck mal“, sagte Len, „da schwimmt eine Flasche.“ „Ja“, sagte Lies, „vielleicht ist das eine Flaschenpost, die müssen wir haben.“ Und schon zogen sich die beiden Schuhe und Strümpfe aus und krempelten die Hosenbeine hoch und wateten ins Wasser. Sie fischten eine Flasche auf, es war ein Korken drin, den sie vorsichtig herauszogen, aber die Flasche war leer. „Schade“, sagten Lies und Len, „es wäre so schön gewesen, wenn da ein Brief von einem ertrunkenen Seemann drin gewesen wäre.“

Aber nun hatten sie die Flasche und dachten nach, was man damit machen könne. „Wir können ja einen Brief schreiben und ihn mit der Flasche übers Meer schicken“, sagte Len, „vielleicht kriegen wir dann eines Tages Post aus Afrika oder Amerika von jemand, der die Flasche gefunden hat„. Und sie nahmen die Flasche mit nach Hause, schrieben einen Brief an den unbekannten Finder und ließen die Flasche wieder schwimmen. Aber die Flasche wollte nicht auf Reise gehen, sondern ließ sich von den Wellen immer wieder an den Strand zurückschwemmen. „So eine dumme Flasche!“ sagte Len. Plötzlich sagte Lies: „Ich weiß was Besseres! Wir schreiben einen anderen Brief.“ „Aber du siehst doch, dass die Flasche nicht wegschwimmt“, sagte Len. „Ja“, sagte Lies, „wir schreiben eben einen Brief, der aus Afrika oder Amerika ankommt.“ „Von wem denn?“ fragte Len. „Na, vielleicht von einem ertrunkenen Seemann“, sagte Lies, „oder von Columbus.“ „Aber der ist doch schon ein paar hundert Jahre tot“, sagte Len. „Ja, was glaubst du, wie lange Flaschenposten unterwegs sind“, sagte Lies. „Da hätten wir lange auf Antwort warten können“, sagte Len. „Na ja“, sagte Lies, „manche Flaschenposten gehen schnell und manche langsam, immer so, wie gerade der Wind weht.“ „Also gut“, sagte Len, „wir machen jetzt eine Flaschenpost von Columbus. Und wer soll die finden?“ Lies dachte nach. „Vielleicht die Großmutter?“ „Au ja, die freut sich bestimmt, wenn sie Post von Columbus kriegt“, sagte Len.

Gesagt, getan. Lies und Len schrieben einen Brief, der sich so lesen sollte, als hätte ihn Columbus geschrieben. „Wie fangen wir an?“ fragte Len. „Liebe Großmutter!?“ „Quatsch!“, sagte Lies. „Columbus schreibt doch nicht an die Großmutter, die hat er ja gar nicht gekannt.“ „Also dann vielleicht: Liebe Finderin!“ sagte Len. „Das ist gut“, sagte Lies, „aber wenn nun die Flaschenpost von einem Mann gefunden wird?“ „dann eben: Liebe Finderin und lieber Finder!“ Ja, das fand Lies auch gut, und so war nun ein Anfang gefunden.

Aber wie sollte der Brief weitergehen? Len schlug vor: „Wir sind 100 Kilometer vor Amerika“ Aber Lies sagte. „Quatsch! Auf dem Meer wird nicht in Kilometer, sondern in Seemeilen gemessen. Und außerdem konnte er ja noch gar nicht wissen, dass er kurz vor Amerika war, er hatte es ja noch gar nicht entdeckt.“ „Ist auch wieder wahr“, sagte Len, „aber was soll er sonst schreiben?“ „Vielleicht übers Wetter?“ fragte Lies.

 „Na gut“, sagte Len, „lassen wir ihn also schreiben: Die Sonne scheint  . . „ „Quatsch!“ sagte Lies. „Auf dem Ozean ist immer Sturm, da scheint keine Sonne, und da gibt es haushohe Wellen.“ Aber Len widersprach: „Manchmal scheint auch die Sonne, und es ist windstill.“ „Ja, aber dann schreibt man keine Flaschenposten“, sagte Lies. „Ja, das stimmt“, sagte Len, „also lassen wir ihn schreiben: Unser Schiff ist in einen fürchterlichen Sturm geraten.“ „Ja, das ist gut“, sagte Lies, „schreib mal gleich auf!“ und Len schrieb: Unser- Schiff- ist- in- einen- fürchterlichen- Sturm- geraten. „Die Wellen sind hauhoch“, sagte Lies, und Len schrieb es auf. „Und jedes Mal, wenn wir oben sind, können wir schon Amerika sehen“, sagte Len. „Ja, das ist gut“, sagte Lies, „da merkt man gleich, wie hoch die Wellen gewesen sind.“ Und so schrieben sie es auf. „Aber wenn unser Schiff untergeht“, schrieb Len weiter, „dann weiß niemand, dass wir Amerika entdeckt haben.“ „Ja, das ist toll“, sagte Lies, „schreib das auf! Und damit das auf jeden Fall bekannt wird“, diktierte Lies weiter, „schreibe ich diesen Flaschenpostbrief. Mit freundlichen Grüßen! Christoph Columbus.“

Bevor der Brief in die Flasche kam, wurde er von den Mädchen im salzigen Seewasser einmal hin- und hergezogen, damit er auch wirklich alt und verknittert aussah und die Schrift ein bisschen verwischt und unleserlich war. Und dann luden sie die Großmutter zu einem Spaziergang am Strand ein und ließen die Flasche heimlich schwimmen.

„Schau mal, Großmutter, da schwimmt eine Flasche“, rief Len, „vielleicht ist es ja eine Flaschenpost.“ „Ja, schau doch einmal nach!“ sagte die Großmutter. Die Mädchen holten die Flasche aus dem Wasser, zogen den Korken heraus, und – die Großmutter machte große Augen – wirklich, es war ein Brief drin. Die Mädchen taten auch ganz erstaunt und lasen den Brief vor. Die Großmutter setzte ihre Brille auf und las den Brief selbst noch einmal. „Donnerwetter!“ sagte sie dann. „Das ist ja ein großartiger Fund! Eine Flaschenpost von Columbus! Das muss unbedingt in die Zeitung!“ Jetzt kriegten Lies und Len aber heiße Backen. „Meinst du wirklich, Großmutter?“ „Ja, wirklich“, sagte die Großmutter, „das ist doch eine Sensation.“

Na, nun waren Lies und Len nicht mehr zu halten. Sie rannten geradenwegs zur Redaktion der Zeitung und legten dort die Flaschenpost auf den Tisch. „Und die habt ihr gefunden?“ fragte der Redakteur, er hieß Hüpfmann und war ein freundlicher Mensch. Lies und Len nickten. „Na, das ist ja toll, eine Nachricht, die eigentlich auf die erste Seite gehört.“ Und dann ließ er einen Fotografen kommen, der ein Bild von Lies und Len und ihrer Flaschenpost aufnahm.

Am nächsten Tag fanden Lies und Len sich in der Zeitung wieder. „Nach 500 Jahren kam eine Flaschenpost von Columbus an“, hieß es da. „Lies und Len haben sie gefunden.“ Daneben war ihr Foto abgedruckt. Einige ihrer Freundinnen waren ganz neidisch.

Natürlich haben Lies und Len sich sehr gefreut. „Das war ein gelungener Streich“, sagte Lies, „und wenn die Leute alles glauben, was in der Zeitung steht, sind sie selber schuld.“ „Ja“, sagte Len, aber ich finde es nicht gut, dass wir auch die Großmutter verkohlt haben.“   Und sie be-

schlossen, der Großmutter ihr Geheimnis von der gefälschten Flaschenpost zu verraten. Sie gingen zur Großmutter, und Len sagte: „Großmutter, bei der Flaschenpost von Columbus ist noch ein Geheimnis, das wollten wir dir verraten.“ „Ach“, sagte die Großmutter, „ihr braucht mir   euer Geheimnis nicht zu verraten. Ich habe nämlich auch noch ein Geheimnis vor euch, das ich euch nicht verrate.“

Und so haben Lies und Len nicht erfahren, dass die Sache mit der Flaschenpost am 1. April in der Zeitung gestanden hatte.

April! April!

Diese Geschichte stammt aus dem Buch „Frau Butterfelds Hotel“ von Dr. Heinrich Hannover, Rechtsanwalt aus Bremen.

Herr Dr. Hannover hat schon viele Kinderbücher geschrieben, u. a. „Das Pferd Huppdiwupp“, „die Birnendiebe vom Bodensee“, „Der müde Polizist“, „Der vergessliche Cowboy“, „Der Mond der Zirkuswelt“, „Der Untergang der Vineta“, „Der fliegende Zirkus“ und „Als der Clown Grippe hatte“.

Im August 2004 erscheint sein neues Kinderbuch

Geschichten aus dem Zauberwald“, ein farbig illustrierter Hardcoverband im Gerstenberg-Verlag. Nach Angaben von Herrn Dr. Hannover wird uns Binnenschiffern vor allem ein Schlaflied für Kinder in diesem Buch gefallen.

Da lassen wir uns jetzt mal überraschen!

Vielen Dank Herrn Dr. Heinrich  Hannover, dass wir seine Geschichte mit der „Flaschenpost“ kostenlos abdrucken durften.

 


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