|
Lest selbst,
oder lasst Euch vorlesen!

Die Flaschenpost
Lies und Len waren an der See und gingen am
Strand spazieren. Da sahen sie eine Flasche im
Wasser schwimmen. „Guck mal“, sagte Len, „da
schwimmt eine Flasche.“ „Ja“, sagte Lies,
„vielleicht ist das eine Flaschenpost, die
müssen wir haben.“ Und schon zogen sich die
beiden Schuhe und Strümpfe aus und krempelten
die Hosenbeine hoch und wateten ins Wasser.
Sie fischten eine Flasche auf, es war ein
Korken drin, den sie vorsichtig herauszogen,
aber die Flasche war leer. „Schade“, sagten
Lies und Len, „es wäre so schön gewesen, wenn
da ein Brief von einem ertrunkenen Seemann
drin gewesen wäre.“
Aber nun hatten sie die Flasche und dachten
nach, was man damit machen könne. „Wir können
ja einen Brief schreiben und ihn mit der
Flasche übers Meer schicken“, sagte Len,
„vielleicht kriegen wir dann eines Tages Post
aus Afrika oder Amerika von jemand, der die
Flasche gefunden hat„. Und sie nahmen die
Flasche mit nach Hause, schrieben einen Brief
an den unbekannten Finder und ließen die
Flasche wieder schwimmen. Aber die Flasche
wollte nicht auf Reise gehen, sondern ließ
sich von den Wellen immer wieder an den Strand
zurückschwemmen. „So eine dumme Flasche!“
sagte Len. Plötzlich sagte Lies: „Ich weiß was
Besseres! Wir schreiben einen anderen Brief.“
„Aber du siehst doch, dass die Flasche nicht
wegschwimmt“, sagte Len. „Ja“, sagte Lies,
„wir schreiben eben einen Brief, der aus
Afrika oder Amerika ankommt.“ „Von wem denn?“
fragte Len. „Na, vielleicht von einem
ertrunkenen Seemann“, sagte Lies, „oder von
Columbus.“ „Aber der ist doch schon ein paar
hundert Jahre tot“, sagte Len. „Ja, was
glaubst du, wie lange Flaschenposten unterwegs
sind“, sagte Lies. „Da hätten wir lange auf
Antwort warten können“, sagte Len. „Na ja“,
sagte Lies, „manche Flaschenposten gehen
schnell und manche langsam, immer so, wie
gerade der Wind weht.“ „Also gut“, sagte Len,
„wir machen jetzt eine Flaschenpost von
Columbus. Und wer soll die finden?“ Lies
dachte nach. „Vielleicht die Großmutter?“ „Au
ja, die freut sich bestimmt, wenn sie Post von
Columbus kriegt“, sagte Len.
Gesagt, getan. Lies und Len schrieben einen
Brief, der sich so lesen sollte, als hätte ihn
Columbus geschrieben. „W ie
fangen wir an?“ fragte Len. „Liebe
Großmutter!?“ „Quatsch!“, sagte Lies.
„Columbus schreibt doch nicht an die
Großmutter, die hat er ja gar nicht gekannt.“
„Also dann vielleicht: Liebe Finderin!“ sagte
Len. „Das ist gut“, sagte Lies, „aber wenn nun
die Flaschenpost von einem Mann gefunden
wird?“ „dann eben: Liebe Finderin und lieber
Finder!“ Ja, das fand Lies auch gut, und so
war nun ein Anfang gefunden.
Aber wie sollte der Brief weitergehen? Len
schlug vor: „Wir sind 100 Kilometer vor
Amerika“ Aber Lies sagte. „Quatsch! Auf dem
Meer wird nicht in Kilometer, sondern in
Seemeilen gemessen. Und außerdem konnte er ja
noch gar nicht wissen, dass er kurz vor
Amerika war, er hatte es ja noch gar nicht
entdeckt.“ „Ist auch wieder wahr“, sagte Len,
„aber was soll er sonst schreiben?“
„Vielleicht übers Wetter?“ fragte Lies.
„Na gut“, sagte Len, „lassen wir ihn also
schreiben: Die Sonne scheint . . „ „Quatsch!“
sagte Lies. „Auf dem Ozean ist immer Sturm, da
scheint keine Sonne, und da gibt es haushohe
Wellen.“ Aber Len widersprach: „Manchmal
scheint auch die Sonne, und es ist windstill.“
„Ja, aber dann schreibt man keine
Flaschenposten“, sagte Lies. „Ja, das stimmt“,
sagte Len, „also lassen wir ihn schreiben:
Unser Schiff ist in einen fürchterlichen Sturm
geraten.“ „Ja, das ist gut“, sagte Lies,
„schreib mal gleich auf!“ und Len schrieb:
Unser- Schiff- ist- in- einen- fürchterlichen-
Sturm- geraten. „Die Wellen sind hauhoch“,
sagte Lies, und Len schrieb es auf. „Und jedes
Mal, wenn wir oben
sind, können wir schon Amerika sehen“, sagte
Len. „Ja, das ist gut“, sagte Lies, „da merkt
man gleich, wie hoch die Wellen gewesen sind.“
Und so schrieben sie es auf. „Aber wenn unser
Schiff untergeht“, schrieb Len weiter, „dann
weiß niemand, dass wir Amerika entdeckt
haben.“ „Ja, das ist toll“, sagte Lies,
„schreib das auf! Und damit das auf jeden Fall
bekannt wird“, diktierte Lies weiter,
„schreibe ich diesen Flaschenpostbrief. Mit
freundlichen Grüßen! Christoph Columbus.“
Bevor der Brief in die Flasche kam, wurde er
von den Mädchen im salzigen Seewasser einmal
hin- und hergezogen, damit er auch wirklich
alt und verknittert aussah und die Schrift ein
bisschen verwischt und unleserlich war. Und
dann luden sie die Großmutter zu einem
Spaziergang am Strand ein und ließen die
Flasche heimlich schwimmen.
„Schau mal, Großmutter, da schwimmt eine
Flasche“, rief Len, „vielleicht ist es ja eine
Flaschenpost.“ „Ja, schau doch einmal nach!“
sagte die Großmutter. Die Mädchen holten die
Flasche aus dem Wasser, zogen den Korken
heraus, und – die Großmutter machte große
Augen – wirklich, es war ein Brief drin. Die
Mädchen taten auch ganz erstaunt und lasen den
Brief vor. Die Großmutter setzte ihre Brille
auf und las den Brief selbst noch einmal.
„Donnerwetter!“ sagte sie dann. „Das ist ja
ein großartiger Fund! Eine Flaschenpost von
Columbus! Das muss unbedingt in die Zeitung!“
Jetzt kriegten Lies und Len aber heiße Backen.
„Meinst du wirklich, Großmutter?“ „Ja,
wirklich“, sagte die Großmutter, „das ist doch
eine Sensation.“
Na, nun waren Lies und Len nicht mehr zu
halten. Sie rannten geradenwegs zur Redaktion
der Zeitung und legten dort die Flaschenpost
auf den Tisch. „Und die habt ihr gefunden?“
fragte der Redakteur, er hieß Hüpfmann und war
ein freundlicher Mensch. Lies und Len nickten.
„Na, das ist ja toll, eine Nachricht, die
eigentlich auf die erste Seite gehört.“ Und
dann ließ er einen Fotografen kommen, der ein
Bild von Lies und Len und ihrer Flaschenpost
aufnahm.
Am nächsten Tag fanden Lies und Len sich in
der Zeitung wieder. „Nach 500 Jahren kam eine
Flaschenpost von Columbus an“, hieß es da.
„Lies und Len haben sie gefunden.“ Daneben war
ihr Foto abgedruckt. Einige ihrer Freundinnen
waren ganz neidisch.
Natürlich haben Lies und Len sich sehr
gefreut. „Das war ein gelungener Streich“,
sagte Lies, „und wenn die Leute alles glauben,
was in der Zeitung steht, sind sie selber
schuld.“ „Ja“, sagte Len, aber ich finde es
nicht gut, dass wir auch die Großmutter
verkohlt haben.“ Und sie be-
schlossen, der Großmutter ihr Geheimnis von
der gefälschten Flaschenpost zu verraten. Sie
gingen zur Großmutter, und Len sagte:
„Großmutter, bei der Flaschenpost von Columbus
ist noch ein Geheimnis, das wollten wir dir
verraten.“ „Ach“, sagte die Großmutter, „ihr
braucht mir euer Geheimnis nicht zu
verraten. Ich habe nämlich auch noch ein
Geheimnis vor euch, das ich euch nicht
verrate.“
Und so haben Lies und Len nicht erfahren, dass
die Sache mit der Flaschenpost am 1. April in
der Zeitung gestanden hatte.
April! April!
Diese Geschichte stammt aus dem Buch „Frau
Butterfelds Hotel“ von Dr. Heinrich Hannover,
Rechtsanwalt aus Bremen.
Herr Dr. Hannover hat schon viele Kinderbücher
geschrieben, u. a. „Das Pferd Huppdiwupp“,
„die Birnendiebe vom Bodensee“, „Der müde
Polizist“, „Der vergessliche Cowboy“, „Der
Mond der Zirkuswelt“, „Der Untergang der
Vineta“, „Der fliegende Zirkus“ und „Als der
Clown Grippe hatte“.
Im August 2004 erscheint sein neues Kinderbuch
„Geschichten aus dem Zauberwald“,
ein farbig illustrierter Hardcoverband im
Gerstenberg-Verlag. Nach Angaben von Herrn Dr.
Hannover wird uns Binnenschiffern vor allem
ein Schlaflied für Kinder in diesem Buch
gefallen.
Da lassen wir uns jetzt mal überraschen!
Vielen Dank Herrn Dr.
Heinrich Hannover, dass wir seine Geschichte
mit der „Flaschenpost“ kostenlos abdrucken
durften.
 |