Flaschenpost Nr. 2
Juni 2004                   Jahrgang 9


Alltag an Bord

Von Ilka Heger, MS „LIMES“

Ich werde oft gefragt: „Wie ist das denn so, auf einem Binnenschiff zu leben?“ Häufig hat der Fragesteller schon eine vorgefasste Meinung. Das zeigt sich dann im zweiten Satz; man merkt es an Äußerungen wie: „So auf dem Wasser und ständig unterwegs, das wäre nichts für mich.“

Sicher, das Leben auf einem Binnenschiff ist nicht alltäglich, doch in vielen Dingen unterscheidet es sich nicht vom „Landleben“. So beginnt für mich – als Hausfrau an Bord – fast jeder Tag mit der gleichen Routine: Frühstück machen, Betten machen, Geschirrspüler einräumen; eben ganz normale Hausarbeit, die in einer 60qm-Wohnung mit Küche, Bad und drei Zimmern, anfällt. Sie denken, das wäre langweilig? Nein, langweilig ist das Bordleben sicher nicht, denn unser Zuhause ist jeden Tag woanders und unmittelbar mit unserem Arbeitsplatz verbunden.
Unser Zuhause, denn in den meisten Binnenschifffahrtsbetrieben gehören die Frauen und oft auch die erwachsenen Kinder mit zur Besatzung. Häufig bin auch ich für die verschiedensten Tätigkeiten an Deck zuständig: Mal bin ich Matrose, der das Schiff in der Schleuse oder im Hafen vertäuen muss, mal löse ich meinen Mann am Steuerrad ab.

Das Zusammenleben an Bord ist sehr intensiv, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Unsere erwachsene Tochter hat einmal in einem Bericht geschrieben, dass ihr erst rückblickend klar wurde, wie schön die Kindheit an Bord war, waren doch Mutter und Vater den ganzen Tag für sie präsent. Auch die großen und kleinen Abenteuer an Bord – mit dem Beiboot auf Piratenfahrt gehen, in 1.200 to Sand spielen, oder bei Papa im Steuerhaus schaukeln, während draußen die unterschiedlichsten Landschaften vorüberziehen – waren für sie selbstverständlich. Umso schmerzhafter ist dann allerdings der Schulbeginn, dessen Folge immer auf irgendeine Art eine Trennung auf Zeit ist. Jede mögliche Lösung ist nur ein Kompromiss, das Familienleben wird beschränkt auf die Wochenenden und die Ferien.

Ist auch das Leben an Bord ein enges und ständiges Miteinander, so gestaltet sich die Freundschaftspflege nicht immer ganz einfach. Doch neue Techniken machen schon vieles leichter. So tauscht man heutzutage das Neueste per Funk, Telefon oder E-Mail aus. Will ich aber Freunde persönlich treffen, so ist das häufig mit langen Autofahrten quer durch Deutschland verbunden. Es ist ganz normal, dass ich mal eben von Frankfurt nach Wesel und zurück zum Kaffeetrinken fahre.
Alles in allem ist es ein interessantes und spannendes Leben, bei dem das Alltägliche an nicht alltäglichen Orten stattfindet.
Es gibt immer wieder geruhsame und stille Momente, doch leider werden diese immer seltener.

 


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