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Deutschland im 21.
Jahrhundert
(Deutschland im Jahr 2003)
Nach vielen Jahren sah Gott
mal wieder auf die Erde.
Die Menschen waren verdorben und
gewalttätig und er beschloss, sie zu vernichten,
genauso, wie er es vor langer Zeit schon einmal
getan hatte. Er sprach zu Noah: „Noah, bau mir noch
einmal eine Arche aus Zedernholz, so wie damals: 300
Ellen lang, 30 Ellen breit und 30 Ellen hoch. Ich
will eine zweite Sintflut über die Erde bringen. Die
Menschen haben nichts dazu gelernt. Du aber gehe mit
deiner Frau, deinen Söhnen und deren Frauen in die
Arche und nimm von allen Tieren zwei mit, je ein
Männchen und ein Weibchen. In sechs Monaten werde
ich den großen Regen schicken.“
Noah stöhnte auf! Musste das schon wieder sein?
Wieder 40 Tage Regen und 150 unbequeme Tage auf dem
Wasser mit all den lästigen Tieren an Bord und ohne
Fernsehen! Aber Noah war gehorsam und versprach,
alles genau so zu tun, wie Gott es ihm aufgetragen
hatte. Nach sechs Monaten zogen dunkle Wolken auf
und es begann zu regnen. Noah saß in seinem Garten
und weinte und . . . da war keine Arche.
„Noah“, rief der Herr, „wo ist die Arche?“ Noah
blickte zum Himmel und sprach. „Herr, was hast du
mir angetan? Als Erstes beantragte ich beim
Landkreis eine Baugenehmigung. Die dachten zuerst,
ich wollte einen extravaganten Schafstall bauen. Sie
kamen mit der ausgefallenen Bauform nicht zurecht,
denn an einen Schiffbau wollten sie nicht glauben.
Auch deine Maßangaben stifteten Verwirrung, weil
niemand mehr weiß, wie lang eine Elle ist. Also
musste mein Architekt einen neuen Plan entwerfen.
Der Bauantrag wurde zunächst abgelehnt, weil eine
Werft in einem Wohngebiet planungsrechtlich
unzuverlässig sei.
Nachdem ich dann endlich ein passendes
Gewerbegrundstück gefunden hatte, gab es nur noch
Probleme. Im Moment geht es z. B. um die Frage, ob
die Arche feuerhemmende Türen, eine Sprinkleranlage
und eine Löschwassertank benötige. Auf den Hinweis,
ich hätte im Ernstfall rundherum genug Löschwasser,
glaubten die Beamten, ich wollte mich über sie
lustig machen. Als ich ihnen erklärte, das Wasser
käme noch in großen Mengen, und zwar viel mehr, als
ich zum Löschen benötige, brachte mir das den Besuch
eines Arztes vom Landeskrankenhaus ein. Er wollte
von mir wissen, was ein Schiffbau auf dem Trockenen,
fernab von jedem Gewässer, solle.
Die Bezirksregierung teilte mir daraufhin
telefonisch mit, ich könne ja gern ein Schiff bauen,
müsse aber selbst zusehen, wie es zum nächsten
größeren Fluss käme. Mit dem Bau eines Sperrwerks
könnte ich nicht rechnen, nachdem der Bundeskanzler
zurückgetreten sei. Dann rief mich noch ein anderer
Beamter dieser Behörde an, der mir erklärte, sie
seien inzwischen ein kundenorientiertes
Dienstleistungsunternehmen und darum wolle er mich
darauf hinweisen, dass ich bei der EU in Brüssel
eine Werfthilfe beantragen könne; allerdings müsse
der Antrag achtfach in drei Amtssprachen eingereicht
werden.
Inzwischen ist beim Verwaltungsgericht ein
vorläufiges Rechtsschutzverfahren meines Nachbarn
anhängig, der einen Großhandel für Tierfutter
betreibt. Der hält das Vorhaben für einen großen
Werbegag, mein Schiffbau sei nur darauf angelegt,
ihm Kunden abspenstig zu machen. Ich habe ihm schon
zweimal erklärt, dass ich gar nichts verkaufen
wolle. Er hört mir nicht zu und das
Verwaltungsgericht hat offenbar viel Zeit.
Die Suche nach Zedernholz habe ich eingestellt.
Libanesische Zedern dürfen nicht mehr eingeführt
werden. Als ich deshalb hier im Wald Bauholz
beschaffen wollte, wurde mir das Fällen von Bäumen –
unter Hinweis auf das Landeswaldgesetz – verweigert.
Dies schädige den Naturhaushalt und das Klima.
Außerdem solle ich erst eine Ersatzaufforstung
nachweisen.
Mein Einwand, in Kürze
werde es gar keine Natur mehr geben und das Pflanzen
von Bäumen an anderer Stelle sei deshalb völlig
sinnlos, brachte mir den zweiten Besuch des Arztes
vom Landeskrankenhaus ein.
Die angeheuerten Zimmerleute versprachen mir
schließlich, für das notwendige Holz selbst zu
sorgen. Sie wählten jedoch erst einmal einen
Betriebsrat. Der wollte mit mir zunächst einen
Tarifvertrag für den Holzschiffbau auf dem flachen
Lande ohne Wasserkontakt aushandeln. Weil wir uns
aber nicht einig wurden, kam es zu einer
Urabstimmung und zum Streik. Herr, weißt du
eigentlich, was Handwerker heute verlangen? Wie soll
ich denn das bezahlen?
Weil die Zeit drängte, fing ich schon einmal an,
Tiere einzusammeln. Am Anfang ging das noch ganz
gut, vor allem die beiden Ameisen sind noch immer
wohlauf. Aber nachdem ich zwei Tiger und zwei Schafe
von der Notwendigkeit ihres gemeinsamen und
friedlichen Aufenthaltes bei mir überzeugt hatte,
meldete sich der örtliche Tierschutzverein und rügte
die artwidrige Haltung. Und mein Nachbar klagt auch
schon wieder, weil er auch die Eröffnung eines Zoos
für geschäftsschädigend hält! Herr, ist dir
eigentlich klar, dass ich nach der europäischen
Tierschutztransportverordnung eine Genehmigung
brauche? Ich bin schon auf Seite 22 des Formulars
und grüble im Moment darüber, was ich als
Transportziel angeben soll. Und wusstest du, dass z.
B. Geweih tragende Tiere während der Brunftzeit
überhaupt nicht transportiert werden dürfen? Und die
Hirsche sind ständig am Schnackseln, wie Fürstin
Gloria sagen würde. Auch der gemeine Ochs und der
Esel denken an nichts anderes, besonders die
Südlichen! Herr, wusstest du das?
Übrigens, wo hast du eigentlich die Callipepia
caliconica, du weißt schon, die Schopfwachteln und
den Lethamus discolor versteckt? Den
Schwalbensittich habe ich bisher auch nicht finden
können! Dir ist natürlich auch bewusst, dass ich die
43 Vorschriften der Binnenmarkt-Tierschutzverordnung
bei dem Transport der Kaninchen strikt beachten
muss. Meine Rechtsanwälte prüfen gerade, ob diese
Vorschriften auch für Hasen gelten.
Übrigens, wenn du es einrichten könntest, die Arche
als fremdflaggiges Schiff zu deklarieren, das sich
nur im Bereich des deutschen Küstenmeeres aufhält,
bekäme ich die Genehmigung viel einfacher. Du
könntest dich doch für mich auch einmal bemühen. Ein
Umweltschützer von Greenpeace erklärte mir, dass ich
Gülle, Jauche, Exkremente und Stallmist nicht ins
Wasser entsorgen darf. Wie stellst du dir das
eigentlich vor? Damals ging es doch auch!
Vor zwei Wochen hat sich das Oberkommando der Marine
bei mir gemeldet und von mir eine Karte der künftig
überfluteten Gebiete erbeten. Ich habe ihnen einen
blau angemalten Globus geschickt. Und vor zehn Tagen
erschien die Steuerfahndung; die haben den Verdacht,
ich bereite meine Steuerflucht vor. Ich komme so
nicht weiter, Herr; ich bin verzweifelt! Soll ich
nicht doch lieber meinen Rechtsanwalt mit auf die
Arche nehmen?“
Noah fing wieder an zu weinen. Da hörte der Regen
auf, der Himmel klarte auf und die Sonne schien
wieder. Es zeigte sich ein wunderschöner Regenbogen.
Noah blickte auf und lächelte. „Herr, du wirst die
Erde doch nicht zerstören?"
Da sprach der Herr: „Darum sorge ich mich nicht
mehr. Das schaffen schon eure Gesetze!“
(oder: das schafft schon eure Bürokratie!!)
Gelesen in der Festschrift zum 50. Schiffertag.
Vielen Dank an Wolfgang Hohm vom Schifferverein
„Mittelmain“

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