Flaschenpost Nr. 4
Dezember 2004            Jahrgang 9

Tante Sarah aus Rotterdam erzählt ein Märchen über die deutsche Binnenschifffahrt:

 

„Ich stamme aus einem Geschlecht, das Jahrzehnte das Land bewirtschaftete. Mit Schifffahrt hatten meine Vorfahren nicht das Geringste am Hut. Ich frage mich, ob sie jemals das Meer gesehen haben. Dafür hatten sie eigentlich keine Zeit, denn der Laden daheim musste brummen. Im Sommer wurde das Heu eingeholt, ein Wettkampf gegen den Regen. Sie haben im Schichtdienst Kartoffeln geerntet. Manchmal ist man sonntags in die Kirche gegangen, es sei denn, die Kuh hat gekalbt. In dem Fall hat Gott halt warten müssen. Das Leben ging vor auf dem Hof.
Da sie alle reichlich Kinder hatten, sind noch heute viele Familien in meinem Geburtsort miteinander verflochten. Regelmäßig kam „Volk aus der Fremde“ hinzu, wie zum Beispiel mein Opa. Er war der jüngste Sohn eines Bauern und verließ in den dreißiger Jahren das eigene Dorf, um den Elternhof der Oma weiterzuführen. Dabei brachte er Wissen und modernstes Arbeitszeug mit aus ganz anderen Regionen. Somit war das Fundament gelegt für einen blühenden Bauernbetrieb.
Auf dem Feld meiner Oma ackern heute nur noch Erinnerungen an die Vergangenheit. In absehbarer Zeit wird mal Wohngebiet daraus. Denn die Hochzeiten des Familienunternehmens sind leider längst vorbei.
Sorgen um die Kinder macht Oma sich nicht, de Nachwuchs hat schließlich studiert. Als sich die Rahmenbedingungen verschlechterten, wurden sie an die Akademie geschickt. Sie sind Lehrer geworden, Buchhalter, Sozialpädagogen und Landschaftsarchitekten. Mit dieser Vielfalt an Wissen ließe sich der alte Hof noch einwandfrei führen. Man bräuchte nur umsteigen auf neue Techniken, an Ideen hat es nie gefehlt. Doch Modernisierung ist bekanntlich eine teuere Sache. Gäbe es dafür noch staatliche Unterstützung?

So streift meine Oma durch die Felder, so schaut sich der Schiffer den Sohn an.
Darf man noch geistig jung sein in Deutschland, oder machen wir ein Altersheim daraus? Jung ist, wer arbeiten will, sich ausbilden lässt und nachdenkt über neue Entwicklungen. Nach dem Wegfallen der Schifferbörse hieß es, die Schiffer sollten rechnen lernen, damit sie auch eigenständig das Unternehmen führen können.
Schiffer können nun zählen, Herr Minister. Ihre Ausbildung wurde um betriebswirtschaftliche Module erweitert, für die Buchhaltung steht modernste Arbeitstechnik zur Verfügung.
Es hieß, man sollte umweltfreundlich sein, das Kyoto-Protokoll vor Augen halten. Schifffahrt ist umweltschonend, Herr Minister. Die Motoren sind ja fast zu regelrechten Luftfiltern geworden. Es hieß, man solle internationalisieren, sich den Herausforderungen der erweiterten Union stellen. Schiffer sind längst Europäer, Herr
Minister, denn ihr Arbeitsumfeld hat sich nie so richtig von Grenzsteinen abstecken lassen.
Es heißt immer noch, sie seien so zukunftsträchtig, eine Lösung für den drohenden Verkehrsinfarkt. Doch sind sie das, Herr Minister? Vielleicht nur als Wortlaut im großen Archiv der Berichte zur Zukunft der deutschen Binnenschifffahrt?
Nach all diesen Jahren blühen wunderbar die Märchen, in denen Schiffer die Hauptrolle spielen. Doch die Arbeitsmittel bröckeln ab – die Flotte und die Wasserstraße.
Wie lange noch, Herr Minister? Vielleicht bis zum Alter meiner Oma, dann kann man ein Wohnboot daraus machen. Die Kinder haben schließlich alle gut gelernt. Ob sie jemals hätten jung sein wollen, tut dann nichts mehr zur Sache.

Mit freundlicher Genehmigung von Sarah de Preter aus Rotterdam, veröffentlicht in der Schifffahrtszeitung  „Binnenvaartkrant“

 

Im letzten Monat hat die UNO eine weltweite Umfrage durchgeführt. Die Frage war:
„Geben Sie uns bitte Ihre ehrliche Meinung zur Lösung der Nahrungsknappheit im Rest der Welt ab“.
Die Umfrage stellte sich, nicht unerwartet, als Riesenflop heraus. Warum?

- in Afrika wussten die Teilnehmer nicht, was „Nahrung“ ist.
- Osteuropa wusste nicht, was „ehrlich“ ist.
- Westeuropa kannte das Wort „Knappheit“ nicht.
- Die Chinesen wussten nicht, was „Meinung“ ist.
- Der Nahe Osten frage nach, was denn „Lösung“ ist.
- Südamerika kannte die Bedeutung von „bitte“ nicht.
- Und in den USA wusste niemand, was „der Rest der Welt“ ist.

Entdeckt in der Zeitschrift „Triangel“, Mitarbeiterzeitung der Vermessungs- und Katasterbehörde Rotenburg/Stade
Mit freundlicher Genehmigung von Frau Vera Betz-Stolt

 

 


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