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Die Marokkanerin Ouarda
Saillo hat in einem stillen Wohnviertel von
Agadir zusammen mit sechs Geschwistern ihre
Kindheit und Jugend verbracht. Am 19.09. 1979 um
zehn Uhr morgens hat ihr Vater Ben ihre Mutter
Safia mit einem Messerstich getötet und
anschließend mit Benzin übergossen und
verbrannt. Damals war Ouarda Saillo fünf Jahre
alt. Heute ist sie 30, und sie hat, unterstützt
von ihrem Mann, einem deutschen Journalisten,
ein Buch über ihre Kindheitserfahrungen
geschrieben: „Tränenmond “.
Jahrelang hat sie die Erinnerung verdrängt und
erst nach der Geburt des Sohnes begonnen,
Erinnerungen aufzuschreiben. Gemeinsam mit den
Schwestern rekonstruiert sie in zahlreichen
Gesprächen weite Teile ihrer Vergangenheit.
Herausgekommen ist die Geschichte einer
Kindheit, wie sie kaum schrecklicher sein
konnte. Nach dem Tod der Mutter zieht die
vielköpfige Familie des Onkels in das kleine
Haus ein. Die Verwandtschaft lässt die „Kinder
des Mörders “ alsbald spüren, was sie von ihnen
hält. Prügel und Gewalttätigkeiten und sexuelle
Nachstellungen sind an der Tagesordnung. Mit 17
verlässt sie Marokko, um in Deutschland zu
leben. Nie mehr möchte sie in Marokko leben. Zu
eng ist das Leben hier für Frauen, die ihr
Gesicht und Haar nicht unter Tüchern verbergen
möchten. Von dieser Enge gibt sie in ihrem Buch
ein eindringliches Zeugnis. Ohne Beschönigung
schildert sie am Beispiel ihrer Mutter die
Abhängigkeit der Frauen in einer
männerdominierten Gesellschaft. Sie schreibt von
sexuellen Übergriffen in der Familie, die
allgemein toleriert werden und von der
Bigotterie einer Gesellschaft, die den Wert
einer Frau an ihrer Jungfräulichkeit misst -
Tabuthemen bis heute. Umso wichtiger sei es,
sagt Ouarda Saillo, die sich seit Jahren für ein
Frauenhaus in Agadir engagiert, dass darüber
gesprochen werde.
Auch wenn manche Fragen unbeantwortet bleiben,
ist „Tränenmond“ eine spannende und informative
Lektüre, die Einblicke gewährt in einen
Lebensbereich, der Europäern in der Regel
verschlossen bleibt.
Adelheid Gaschik
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