Flaschenpost Nr. 4
Dezember 2004            Jahrgang 9

BUCHTIPP

"Tränenmond"
von Ouarda Sailo

 

 


Die Marokkanerin Ouarda Saillo hat in einem stillen Wohnviertel von Agadir zusammen mit sechs Geschwistern ihre Kindheit und Jugend verbracht. Am 19.09. 1979 um zehn Uhr morgens hat ihr Vater Ben ihre Mutter Safia mit einem Messerstich getötet und anschließend mit Benzin übergossen und verbrannt. Damals war Ouarda Saillo fünf Jahre alt. Heute ist sie 30, und sie hat, unterstützt von ihrem Mann, einem deutschen Journalisten, ein Buch über ihre Kindheitserfahrungen geschrieben: „Tränenmond “.
Jahrelang hat sie die Erinnerung verdrängt und erst nach der Geburt des Sohnes begonnen, Erinnerungen aufzuschreiben. Gemeinsam mit den Schwestern rekonstruiert sie in zahlreichen Gesprächen weite Teile ihrer Vergangenheit. Herausgekommen ist die Geschichte einer Kindheit, wie sie kaum schrecklicher sein konnte. Nach dem Tod der Mutter zieht die vielköpfige Familie des Onkels in das kleine Haus ein. Die Verwandtschaft lässt die „Kinder des Mörders “ alsbald spüren, was sie von ihnen hält. Prügel und Gewalttätigkeiten und sexuelle Nachstellungen sind an der Tagesordnung. Mit 17 verlässt sie Marokko, um in Deutschland zu leben. Nie mehr möchte sie in Marokko leben. Zu eng ist das Leben hier für Frauen, die ihr Gesicht und Haar nicht unter Tüchern verbergen möchten. Von dieser Enge gibt sie in ihrem Buch ein eindringliches Zeugnis. Ohne Beschönigung schildert sie am Beispiel ihrer Mutter die Abhängigkeit der Frauen in einer männerdominierten Gesellschaft. Sie schreibt von sexuellen Übergriffen in der Familie, die allgemein toleriert werden und von der Bigotterie einer Gesellschaft, die den Wert einer Frau an ihrer Jungfräulichkeit misst - Tabuthemen bis heute. Umso wichtiger sei es, sagt Ouarda Saillo, die sich seit Jahren für ein Frauenhaus in Agadir engagiert, dass darüber gesprochen werde.
Auch wenn manche Fragen unbeantwortet bleiben, ist  „Tränenmond“ eine spannende und informative Lektüre, die Einblicke gewährt in einen Lebensbereich, der Europäern in der Regel verschlossen bleibt.

Adelheid  Gaschik

 


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