Flaschenpost Nr. 4
Dezember 2004            Jahrgang 9

Von Staubsaugern, Kartoffeln und Etagenbetten

- Bericht einer Ausstellungslotsin auf der MS Technik - 

Düsseldorf im August 2004, gespannt sitze ich in meinem Auto. Heute soll es also losgehen. Zwei Wochen auf „große Fahrt“ auf der MS Technik. Von Düsseldorf über Köln, Bonn und Koblenz zum Museums-uferfest nach Frankfurt. Gut, als Bonnerin fand ich den Streckenverlauf nicht überwältigend spannend, aber diese Distanz auf einem 105m langen Binnenschiff zurückzulegen hatte durchaus seinen Reiz.
An der Rheinuferpromenade angekommen, suchte ich also „mein Schiff“. Von Internetbildern wusste ich bereits: Es ist grün, lindgrün um genau zu sein. So ein „Pott“ fällt auf und schon beim ersten Fragen  wurde ich von einem fröhlichen Rheinländer zur MS Jenny gelotst: „Ach, Sie meinen den hässlichen grünen Kahn der da am KD-Anleger liegt, ja da müssen Sie da runter!“

Hässlicher Kahn ?! – Na, wenn das die Scheubners gehört hätten…

Freudig strahlend werde ich auf dem Schiff begrüßt: „Leute mit großen Reisetaschen sind hier immer willkommen. Bist du die Neue, kann ich deine Telefonnummer haben?“ schallte es mir von einem männlichen Kollegen entgegen. Etwas verdutzt rückte ich also meine Daten raus. Später sollte sich rausstellen, dass diese so eindeutig klingende Begrüßung wohl auf rein beruflichem Interesse beruhte. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass ich normalerweise in einem Technikmuseum arbeite und alle Lotsen sind, mehr oder weniger aktiv, ständig auf Jobsuche.
Mein erster Tag auf der „Jenny“ verlief relativ unspektakulär und es soll auch nicht Aufgabe dieses Artikels sein den Ausstellungsalltag wiederzugeben, sondern vielmehr das ein oder andere Anekdötchen zu erzählen und das Leben als Landratte an Bord eines Binnenschiffes schriftlich festzuhalten.

Die Sache mit dem Staubsaugen
Die erste Einlage, die ich zur Belustigung der Crew beitragen sollte, wurde von mir schon am dritten Abend formvollendet dargeboten…
Jeden Abend nach Ausstellungsende hieß es: Antreten zum großen Putzkommando. 600m² Ausstellungsfläche wurden täglich bei lauter Rockmusik mit zwei Saugern bearbeitet, Vitrinen glasgereinigt und Fettfingerspuren von Touchscreens gewischt. Nun – irgendwie muss ich wohl auf den falschen Knopf des vollautomatischen Staubsaugmonsters gekommen sein und „Flutsch“ lag der ganze Dreck der letzten Woche mitten in der Ausstellung.
Aber, damit nicht genug, auch meine Versuche, den Filter auszuklopfen schlugen komplett fehl. Es war mein erster Fahrtag, und ich sollte schnell lernen, dass man während der Fahrt keinen Staubbeutel an Deck ausklopft. Als ich schwarz im Gesicht wie ein Bergwerksarbeiter zurück in die Ausstellung kam, bot mir Frau Scheubner, zwischen zwei Lachattacken, dankenswerterweise an, mich komplett in die Waschmaschine zu stecken.    

Das Diskussionsforum Etagenbett...
In meiner zweiten Etappe auf der „Jenny“ wurde besonders in der vorderen Kabine, welche ich mit meiner Mitlotsin Katrin bewohnte, jede Nacht ein neues Problem thematisiert. Von Männern über Roboter bis hin zu allgemeinen Frauenproblemen, wir erörterten nahezu alles. Besonders ausufernd und lustig war die Nacht der

Ossi (unteres Bett) - Wessi (oberes Bett)- Problematik, in der wir unter großem Gekicher mit sämtlichen Vorurteilen über Wessis/Ossis aufräumten. Zu seinem Bedauern nahm der nebenan wohnende Matrose nur Gemurmel und lautes Lachen wahr. Die Konstruktion einer Hörmuschel dauert noch an. Schließlich ist so ein Ausstellungsschiff die Möglichkeit herauszufinden „Was Frauen wollen...“. 

Die Sache mit den Kartoffeln...
Nachdem ich mich bei meinem ersten Aufenthalt auf dem Schiff mit dem Kochen dezent zurückgehalten hatte (es gab aber auch wirklich Leute mit mehr Talent), hatte ich mir für meinen zweiten Einsatz fest vorgenommen: Am ersten Abend wird gekocht! Ein Rezept hatte ich bereits zuhause parat gelegt, alle Zutaten wurden in Mannheim eingekauft und nach dem abendlichen Staubsaugen konnte es endlich losgehen. Es sollte Ofenkartoffeln im Schinkenmantel geben, welche in einem Zwiebel – Öl – Sud sitzen sollten. Unter tatkräftiger Unterstützung fast aller Mitlotsen wurden also Kartoffeln geschält, Zwiebeln gehackt und der gerade wieder aufblühende Salbei gerupft. Die Kartoffeln fanden nach viel Arbeit schließlich ihren Weg in den ca. 1,70 m hoch gelegenen Ofen der Bugwohnung. (Die Autorin dieses Artikels hat eine geschätzte Körperlänge von ca. 1,64 m mit hohen Schuhen!) Hungrig und mit gewetzten Messern wartete das Lotsenteam nach halbstündiger Garzeit der Erdäpfel auf Nahrung. Auch der Matrose war an diesem Abend wieder zum Essen geladen, was er schnell bereuen sollte. Kaum hatte er die Küche der Lotsenwohnung betreten, regnete es aus dem Backofen Kartoffeln, Käse, Zwiebeln und Schinken und unter lautem Schreien verkündete die Köchin, dass ihr heißes Öl über die Finger läuft. Es ist wohl nur seinen guten Reflexen zu verdanken, dass er es schaffte, mit stepptanzähnlichen Bewegungen allen Flugkartoffeln und dem in seine Richtung geworfenen Backblech auszuweichen.
(Der Autorin dieses Artikels wurde striktes Ofenverbot erteilt. An beschriebenem Abend wurden um 22.30Uhr  noch Nudeln gekocht...)

 

Wie Sie sich sicherlich vorstellen können, lieber Leser, wäre diese Geschichte beliebig erweiterbar. So wurde beispielsweise eines Nachts ein Etagenbett durchbrochen, eine Treppe wurde auf Sturzgefahr im Selbstmordversuch getestet und einige Lotsen prüften regelmäßig mit überdimensionalen Gummischwimmtieren die Wassertemperatur der befahrenen Flüsse.
Zu guter Letzt bleibt festzuhalten: Wir haben die „Jenny“ nicht kaputt gekriegt und es war eine wunderbare Zeit auf dem Schiff, an welcher besonders das Ehepaar Scheubner sowie  Bruno und Gerald großen Anteil hatten. Danke!!!
Sollte es eine MS Einstein* geben, komme ich gerne wieder und teste erneut ihre Standhaftigkeit gegen allerlei kleine Missgeschicke. Ganz bestimmt aber wird die MS Technik nicht in Vergessenheit geraten, habe ich doch dank ihr einige wunderbare Menschen kennen und lieben gelernt.
Am schönsten beschreibt meine Zeit auf dem Schiff ein Zitat aus der Ausstellung:
„Der Mensch hat überhaupt nichts gesehen, wenn er nichts gefühlt hat.“
(Henry David Theareau; US-Amerikanischen Philosoph)

Anica Stock

 

 *Jawohl, es wird ein
 MS EINSTEIN geben;
voraussichtlich vom 19. Mai bis
13. September 2005
Karin Scheubner

 


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