Flaschenpost Nr. 1
25. Februar 2005         Jahrgang 10

Noch 'ne heiße Geschichte . . .
von Karin Scheubner, MS „JENNY“

Sommer 1980, ich war gerade ein knappes halbes Jahr verheiratet. Von Schifffahrt hatte ich damals kaum Ahnung, war also noch lange nicht „schiffisch“.

Wir lagen mit dem MS „ALAN“ in Rotterdam (den genauen Hafen weiß ich nicht mehr) und waren am Laden. Wir hatten einen Matrosen und ich brauchte, auch, weil ich noch nicht schiffisch war, nicht mithelfen, sondern machte es mir bei herrlichem Sonnenschein im Liegestuhl auf dem Roefdach gemütlich und las.

Vorne am „ALAN“ war die weiße Flagge gehisst, was aber nicht bedeutete, dass wir uns ergeben wollten, sondern, dass wir Wasser vom Trinkwasserboot brauchten. In den Rotterdamer Häfen ist es heute noch üblich, eine weiße Flagge hochzuziehen, wenn man Trinkwasser braucht.
Das Boot kam dann auch. Erst wurde vorne beim Matrosen, der einen kleinen Wassertank hatte, gebunkert. Dann kam das Boot nach hinten. Wir hatten einen Gummiballon als Trinkwassertank mit ca. 3.000 l Fassungsvermögen – das wusste ich. Wenn ich den Teppich umschlug und die Luke im Küchenboden aufmachte, konnte ich ihn sehen.  Warum wir einen Gummitank hatten, wusste ich damals nicht; es war einfach so.  Später erfuhr ich, dass der alte Trinkwassertank damals durchgerostet war und schnell, ohne Werftaufenthalt, ein neuer her musste. Das war, wie es damals schien, eine gute Lösung.
Der Schlauch wurde also rübergezogen und backbord in die Tanköffnung gesteckt. Ich beobachtete die ganze Aktion von meinem Liegestuhl aus, denn ich hatte das bis dahin noch nie gesehen. Nach einigen Minuten kam mein Mann zu mir aufs Roefdach hoch, drückte mir zwei Gulden in die Hand und meinte, die solle ich dem jungen Mann vom Boot als Trinkgeld dann geben; der Tank würde bald voll sein. Er selbst müsse schnell die Papiere an Land holen, weil wir mit dem Laden fertig seien.
Kaum war mein Mann weg, grinste mich der Hafenmitarbeiter unverschämt an. Ich hatte einen ziemlich knappen Bikini an (für damalige Zeiten knapp!); daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Mir war das peinlich und ich wäre liebend gern in die Wohnung runter gegangen und hätte mir ein T-Shirt übergezogen. Dann aber hätte ich ganz nah an dem jungen Mann vorbei laufen müssen, denn er lehnte lässig an unserem Geländer in Türnähe und stierte mich an.   Ich tat so, als ob ich lesen würde, schielte aber immer mit einem Auge nach unten. Wieso dauert das so lange mit dem Bunkern? Mein Mann hat doch gesagt, der Tank wäre gleich voll! Es dauerte und dauerte, ich spürte die frechen Blicke; am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst.

Dann endlich kam mein Mann! Ich hörte ihn fragen: „Sind wir noch immer nicht fertig; wie viel Liter sind denn schon drin?“ Der junge Mann schaute gelangweilt auf seine Wasseruhr und meinte ganz lässig: „8.000 Liter!“ „Waaaas?“ schrieen mein Mann und ich zur gleichen Zeit. „Der Tank fasst doch nur 3.000 Liter!“ Ich schoss von meinem Liegestuhl hoch, - an meinen knappen Bikini dachte ich in diesem Moment nicht mehr, – runter vom Roefdach, riss die Wohnungstüre auf und schon sah ich die Bescherung: Fußabstreifer und Hausschuhe schwammen, das Schuhschränkchen im Flur stand einige Zentimeter im Wasser!
Was war passiert? Der Gummitank war geplatzt, - sicher wegen zu starkem Druck -  das Wasser hatte die Luke im Küchenboden hoch gedrückt und so konnten sich einige Tausend Liter schön in unserer Wohnung verteilen!
Gut, dass Hochsommer war und wir das ganze nasse Mobiliar an Deck trocknen konnten. Weniger gut war, dass wir nun hinten keinen Tropfen Trinkwasser mehr hatten! Für die nächsten Tage hieß das, Trinkwasser mit Eimern von der Matrosenwohnung holen, Katzenwäsche machen, nicht kochen, damit so wenig wie möglich schmutziges Geschirr anfiel, denn der Tank vorne fasste nur einige Hundert Liter. Und kistenweise Mineralwasser an Bord gab es damals noch nicht!
Weil wir so schnell keinen neuen Gummitank bekommen konnten, musste ich, als wir Richtung Heimat kamen, zu einem Vulkaniseur, der den Gummiball innerhalb von zwei Tagen flickte. Und der hat dann auch noch eine ganze Zeit gehalten! Natürlich haben wir von da an immer mit äußerster Vorsicht Trinkwasser gebunkert.
Im Jahr drauf, inzwischen gehörte das Schiff uns, haben wir an einer Werft einen neuen, richtigen Trinkwassertank aus Metall eingebaut.

Bis zu meiner Heirat mit einem Binnenschiffer war auch ich „Eine von Land“, die sich nie groß Gedanken gemacht hatte (damals war das auch noch kein Thema), wie kostbar Trinkwasser ist. Während des Händewaschens ließ auch ich früher das Wasser voll aufgedreht laufen, am liebsten hätte ich jeden Tag ein Vollbad genommen.
Bei dieser feucht-trockenen Geschichte damals musste ich am eigenen Leib verspüren, wie schwierig es ist,  mit extrem wenig Wasser auszukommen. Trinkwasser steht uns nicht uneingeschränkt zur Verfügung,  und ich habe längst kapiert, dass man sparsam mit Wasser umgehen kann, ohne Körperpflege, Haushalt usw.  zu vernachlässigen. Oder?

 


   Seite zurück

- 20 u. 21 -


Seite vor     

Inhaltsverzeichnis