Flaschenpost Nr. 1
25. Februar 2005         Jahrgang 10

Weihnachten auf einem Donauschiff.

Persönliche Tagebuchaufzeichnungen von Konsulent Kapitän Otto Steindl Linz/Donau.

Wien, 15.November 1965
Ich bin auf dem Motorzugschiff “Dr. Karl Renner“ als Motorenwärter. An diesem Tag lag das Schiff am Wiener Praterkai, wir hatten einen sog. “Stehtag“. Dies war die Bezeichnung für DDSG Donauschiffe, die nach einer längeren Reise einen Tag still lagen. Der Tag wurde genutzt, um diverse Wartungsarbeiten an Bord durchzuführen, Material zu ergänzen. Die Köchin tätigte ihren Vorratseinkauf für die nächsten ein bis zwei Wochen. Wir sollten am nächsten Tag Donnerstag 16.November um 08:00 Uhr mit zwei beladenen Tankkähnen die Bergfahrt nach Linz antreten. Aber wie gesagt, die Betonung liegt bei „sollten“.
Eine Reihe hinter uns lag das Schaufelradzugschiff “Kammegg“, dort war die Besatzung den ganzen Tag damit beschäftigt, das Schiff für die bevorstehende Russlandreise vorzubereiten.
Schon am frühen Nachmittag hörte ich das Gerücht, dass sich di
e halbe Maschinenmannschaft krank gemeldet hat. Ich dachte mir dabei noch nichts Böses. Gerade als ich gegen Abend an Bord meines Schiffes ging, begegnete mir der technische Personalschef der DDSG. Mehr als umständlich fragte er mich, ob ich interessiert sei, am nächsten Tag mit der “Kammegg“ nach Russland zu fahren. Da ich dort keine Verwandten hatte und immerhin in sechs Wochen Weihnachten war, lehnte ich spontan ab. Außerdem gehörte ich dem Personalstand der Linzer Dienststelle an und nicht der Wiener. Zu dieser Zeit waren dies leicht rivalisierende Einheiten.
Ich machte es mir mittlerweile in meiner Kabine gemütlich, als ich an Deck laute Schritte vernahm. Unmittelbar danach klopfte es an meiner Tür. Es war der Hafensteuermann der zugleich als Bote für die Herren im Personalbüro unterwegs war. Er händigte mir einen „Fahrbefehl“ aus, auf dem nicht mehr zu lesen war, ob ich eventuell nach Russland fahren möchte, aus “möchte“ wurde plötzlich “muss“. Da ich mit meinen zwanzig Jahren ein noch junger Mitarbeiter war, traute ich mich nicht, nein zu sagen. Also hieß es Koffer packen und umsiedeln auf die “Kammegg“. Dort wurde ich freudig an Bord begrüßt, freilich mit einem Hintergedanken, denn wäre ich nicht gekommen, hätte sich die Abfahrt am nächsten Tag um Stunden verzögert. Zu dieser Jahreszeit war es ja nicht mehr üblich, eine Reise nach Izmail anzutreten oder wie sie im Donaujargon heißt “Russlandreise“. (Heute natürlich Ukraine).
Pünktlich um 07:00 Uhr erschienen die Behördenvertreter zur Revision. So eine Amtshandlung muss schon ordentlich und gründlich durchgeführt werden, es muss ja schließlich alles seine Ordnung haben. Deshalb dauerte sie auch drei Stunden. Natürlich gingen die Herren erst nach einem fürstlichen “Wiener Frühstück“ von Bord, wobei der eine oder andere Zöllner bzw. Grenzbeamte beim Verlassen des Schiffes schon leichte Turbulenzen zeigte. Mussten doch die ausgeführten Alkoholika auch verkostet werden, ob es wirklich Alkohol ist…..
Um 10:00 Uhr ertönte das Signal zum Talrondo. Unser Bug zeigte nun in Richtung Schwarzes Meer. Im leichten Nebel, der eine Sicht von etwa zwei Kilometer erlaubte, fuhren wir mit zwei leeren Güterkähnen der “10.000“ Serie zu Tal. Der nächste Halt war erst wieder im Komarom.
Auch hier umständliche Revision und Aufnahme unserer weiteren Anhangkähne. Mit 10 leeren Güterkähnen, in zwei Fünferreihen fuhren wir weiter. Dies bedeutete aber auch, dass wir nun schon ein kleines schwimmendes Dorf waren, betrachtet man die Zahl der Besatzungsmitglieder. Am Zugschiff waren wir 16 Mann und eine Köchin, also 17 Personen. Auf den Anhangkähnen waren die Steuermänner mit ihren Frauen und in den Bugkabinen die Matrosen ebenfalls teilweise mit ihren Frauen. Das machte zusammen die stattliche Anzahl von bis zu 57 Personen. Da krachten schon die Finger des Zahlmeisters beim Ausfüllen der Besatzungslisten. Kopierer und dergleichen gab es ja zu dieser Zeit noch nicht. Die Besatzungen der Schleppkähne waren überwiegend ungarische Staatsbürger. Die weitere Talfahrt verlief ohne besondere Ereignisse, abgesehen davon, dass der Kapitän mit großer Sorge die täglichen Wasserstandsmeldungen verfolgte. Dieser war nämlich alles andere als zufrieden- stellend. Am Sonntag 23. November trafen wir in Izmail ein. Die Wetterlage hatte sich mittlerweile verschlechtert, Temperaturen von Minus 6-8 Grad waren für diese Jahreszeit eher unüblich. Schön langsam fing jeder von uns, auch wenn er es nicht zugeben wollte, zu rechnen an. Geht es sich aus, Weihnachten zu Hause zu sein? Der Kapitän und mein unmittelbarer Vorgesetzter, der I. Maschinenbetriebsleiter, merkten sehr schnell, was bei der Mannschaft  vor sich geht. Nach dem Abendessen wurden wir in die Offiziersmesse eingeladen und nun begannen beiden Herren, Kapitän und Maschinenbetriebsleiter, zu rechnen. Wir mussten 10 beladene Güterkähne zu Berg mitnehmen. Wenn sich die Beladung nicht verzögert, muss es sich leicht ausgehen, war die korrekte Mitteilung der Schiffsleitung. Mit einem Augenzwinkern sagte mein Chef,  “man könne den beiden Schiffsdiesel zusätzliche Power geben“. Nun waren alle beruhigt, es würde klappen. Aber wir kannten die Mentalität der russischen Hafenarbeiter nicht. Ständig gab es Probleme bei der Beladung. Unsere Güterkähne wurden vom Verladekai verstellt, wenn ein russisches Schiff kam, erst nach dessen Abfertigung wurden unsere Kähne wieder beladen. Die Kohle in den Waggons war zum Teil gefroren. Mit Spitzhacken wurde sie im Waggon gelockert, dass der Greifer des Kranes dazu kam. Mittlerweile dauerte unser Aufenthalt in Izmail schon sechs Tage. Immer öfter sahen wir auf den Kalender:
Donnerstag 30.November. Endlich war es soweit. Am Nachmittag setzte sich unser Konvoi mit 10 Güterkähnen, aufgrund des Wasserstandes nicht mit 10.000 Tonnen, sondern nur mit knapp 7000 Tonnen Kohle in Bewegung. Die Bergfahrt verlief bis Belgrad ohne Zwischenfälle. Hier musste ein Güterkahnsteuermann ins Krankenhaus. Allein die notwendigen Formalitäten dauerten einen halben Tag. Aber dies sollte nicht der einzige Aufenthalt sein. Kurz nach Abfahrt von Belgrad, auf Höhe Strom-km 1180,000, wollte der Steuerbordmotor nicht mehr. Eine Zylinderbüchse war gebrochen. Was das heißt, brauche ich nicht lange erklären. Anker runter und Reparatur. Nach zwei Tagen inklusive Einbau einer neuen Zylinderbüchse und eines neuen Kolben, Ölwechsel usw., setzten wir unsere Bergfahrt fort.
Das Wasser fiel stetig, das Thermometer zeigte Minus 8-10 Grad. Ab jetzt wurde auch der Kapitän unruhig. In Mohacs angekommen, gab es, wie sollte es auch anders sein, Probleme bei der Revision, weil wir einen Mann weniger wie in der Talfahrt hatten. Dieser lag ja in Belgrad im Krankenhaus. Den Grenzbehörden war dies egal. Wieder verging ein Tag. Als wir schon absehen konnten, dass es bald weiterging, fiel der Köchin ein, sie müsse noch einkaufen. Wir waren sicher, dass dies der Kapitän verbieten würde. Aber man soll sich nicht täuschen. Da er mit der sehr ansehnlichen Köchin ein mehr als gutes Verhältnis hatte, gestattete er einen Landgang. Damit die arme Frau nicht schwer tragen musste, wurden zwei Matrosen als Träger abkommandiert. Das Einkauftrio brachte es tatsächlich zustande, in Mohacs, wo man von einem zum anderen Geschäft Sichtkontakt hatte, fünf Stunden einzukaufen!
Nun war an eine Weiterfahrt im Hinblick des Niederwassers nicht zu denken. In der Nacht waren plötzlich in mehr oder weniger langen Abständen Klopfgeräusche zu vernehmen. Langsam wurde mir bewusst, die kommen von draußen. Da wir am linken Ufer auf Anker lagen, konnten diese Geräusche nur vom Wasser kommen. Im Morgengrauen sahen wir die Bescherung: Eistreiben hatte eingesetzt. In der Nacht waren eben diese Eisschollen, die gegen die Schaufelräder stießen, zu hören. Nun brach Hektik an Bord aus. Rasch wurde das Schiff für die Weiterfahrt hergerichtet. Zu allem Überdruss waren bei zwei Güterkähnen die Ankerwindenmotoren eingefroren. Mühsam wurden per Hand die Anker gelichtet, was wieder zwei Stunden in Anspruch nahm. Volle Fahrt ging es weiter. In Dunaszekcsö, Strom-km 1460,000 überraschte uns derart dichter Bodennebel, dass man die Anhangkähne aus der Sicht verlor. Die Fahrt wurde gestoppt, Anker runter und beten, dass sich der Nebel bald hebt. Drei Tage lagen wir vor Anker; keine Chance weiterzufahren. Das Eistreiben wurde immer stärker. Am vierten Tag, es war mittlerweile der 17. Dezember, erreichten wir mit Mühe und nur mehr mit halber Kraft fahrend, die bei Strom-km 1479,000 befindliche Stadt Baja.
Von der DDSG Direktion Wien kam Order, sich in Baja auf den Winterstand einzurichten.
Einen Tag  dauerte das Manöver, die Kähne und das Schiff im Hafen Baja abzustellen. Vier Kähne wurden von einem ungarischen Schraubenzugschiff in den Hafen gebracht, weil es für unser Schiff mit Radschaufeln schon gefährlich wurde.
Am Dienstag 20.Dezember verließ die Schiffsmannschaft, ausgenommen mir und einem Matrosen, die “Kammegg“, um mit der Bahn nach Österreich zu fahren, um Weihnachten zu Hause zu sein. Ich war ab jetzt für das Schiff verantwortlich und zuständig für die Heizung und das Aufladen der Batterien. Nach drei Tagen kannte ich bereits einige Leute in Baja, die in Hafennähe ihre Häuser hatten. Auch in den umliegenden Geschäften war ich bald als „Otto bacsi“ aus Ostrak, Herr Otto aus Österreich“ bekannt. Nun war es soweit, Freitag 24.Dezem-ber, Heiligabend. Meine ersten Weihnachten nicht zu Hause! Am Vormittag ging ich zur Post, um meine Eltern in Linz anzurufen. Zu meinem Erstaunen wurde mir mitgeteilt, dass das Gespräch angemeldet werden muss und ich in zwei bis drei Stunden wieder kommen soll. Um es kurz zu machen, an eine Telefonverbindung von Baja nach Linz war an diesem Tag und auch bis zum 30. Dezember nicht zu denken. Erst da hatte ich Kontakt mit zu Hause. Meine Eltern wussten natürlich von der DDSG Verkehrsleitung, dass die Reise der “Kammegg“ in Baja endete. Gegen 17:00 Uhr kamen Besatzungsmitglieder der Schleppkähne, die auch an Bord blieben, zu mir aufs Schiff und luden mich ein, mit ihnen gemeinsam, verbunden mit einem guten Essen, Weihnachten zu feiern. Dies nahm ich gerne an. Schon zu Mittag begann es zu schneien. Eine dicke Schneedecke legte sich auf das Schiff. Temperatur Minus 13 Grad. Am ersten Weihnachtsfeiertag kamen plötzlich mehrere Männer und Frauen an Bord. Es waren Bewohner der umliegenden Häuser, die mich spontan zum Mittagessen einluden. Vorerst zeigte ich Ihnen das Schiff. Zum Glück reichten meine Ungarischkenntnisse schon soweit, dass ich mich relativ gut mit den Leuten unterhalten konnte. Während des Mittagessens am ersten Weihnachtsfeiertag wurde mir schon mitgeteilt, in welches Haus, bzw. zu welcher Familie ich am nächsten Tag kommen muss. Ich wollte natürlich die mir schon bekannte ungarische Gastfreundschaft nicht überbeanspruchen. Aber eine Absage wäre für die Leute eine Beleidigung. Also nahm ich die Einladung an. Zwischen Weihnachten und Silvester sanken die Temperaturen auf Minus 22 Grad. Der mit mir an Bord anwesende Matrose und Matrosen von den Güterkähnen begannen einen Eiskanal um die Schiffe zu schneiden. Mit großen Eissägen gelang ihnen dies binnen weniger Stunden. Die Eisstärke  im Hafen war auf beachtliche 15 Zentimeter angewachsen. Silvester feierten wir gemeinsam mit meinen  Freunden aus Baja, vorerst an Bord, dann in einer Csarda in Hafennähe. So verging ein Tag um den anderen. Ich freundete mich bald mit der Tochter des Chefs der Viszirendörszeg (Wasserpolizei) an. Sie wollte deutsch lernen, ich zeigte ihr, wie das geht! Ehe ich mich versah, war der Jänner vorbei. Mittlerweile war mein Deutschunterricht mit Ilonka, so hieß die fesche Polizistentochter, in eine Phase geraten, wo es langsam gefährlich wurde. Sie meinte eines Abends, richtig deutsch kann man nur in Ostrak oder Austria lernen, also möchte sie mitkommen. Na, jetzt wurde es langsam aber sicher heiß! Aber an eine Abreise war nach wie vor nicht zu denken. Erst Ende Februar erfuhr ich von einem DDSG Agenten aus Budapest, der mich in Baja besuchte, nicht ohne einen Packen Forint mitzubringen,  ich lebte zwar teilweise von der Liebe, aber das übrige Leben kostete auch in Ungarn etwas -, dass in Österreich bereits Tauwetter einsetzt, somit aber mit Hochwasser zu rechnen sei. Dies traf, genau wie vorausgesagt, ein. Am 3. März kam der Eisstoß in Bewegung. Am Freitag 4.März traf, von Wien kommend, die gesamte Mannschaft ein, am gleichen Tag musste ich den Deutschunterricht beenden. Mich traf fast der Schlag, als der Vater von Ilonka mir den Auftrag gab, bald wieder zu kommen. Es gäbe eine gute Busverbindung von Budapest nach Baja. Am Sonntag 6.März setzten wir mit dem ganzen Konvoi unsere Reise, die am 15.November des Vorjahres in Wien begonnen hatte, fort. In Wien kamen wir am 14.März an. Meine Russlandreise dauerte somit genau vier Monate.

Erst später erfuhr ich, dass die Stammmannschaft sich deshalb krank meldete, weil sie schon den Verdacht hatten, Wien im gleichen Jahr nicht mehr zu erreichen. So war es tatsächlich, sie sollten Recht behalten.

 


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