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Weihnachten auf einem Donauschiff.
Persönliche
Tagebuchaufzeichnungen von Konsulent Kapitän Otto
Steindl Linz/Donau.
Wien, 15.November
1965
Ich bin auf dem Motorzugschiff “Dr. Karl Renner“ als
Motorenwärter. An diesem Tag lag das Schiff am
Wiener Praterkai, wir hatten einen sog. “Stehtag“.
Dies war die Bezeichnung für DDSG Donauschiffe, die
nach einer längeren Reise einen Tag still lagen. Der
Tag wurde genutzt, um diverse Wartungsarbeiten an
Bord durchzuführen, Material zu ergänzen. Die Köchin
tätigte ihren Vorratseinkauf für die nächsten ein
bis zwei Wochen. Wir sollten am nächsten Tag
Donnerstag 16.November um 08:00 Uhr mit zwei
beladenen Tankkähnen die Bergfahrt nach Linz
antreten. Aber wie gesagt, die Betonung liegt bei
„sollten“.
Eine Reihe hinter uns lag das Schaufelradzugschiff “Kammegg“,
dort war die Besatzung den ganzen Tag damit
beschäftigt, das Schiff für die bevorstehende
Russlandreise vorzubereiten.
Schon am frühen Nachmittag hörte ich das Gerücht,
dass sich di e
halbe Maschinenmannschaft krank gemeldet hat. Ich
dachte mir dabei noch nichts Böses. Gerade als ich
gegen Abend an Bord meines Schiffes ging, begegnete
mir der technische Personalschef der DDSG. Mehr als
umständlich fragte er mich, ob ich interessiert sei,
am nächsten Tag mit der “Kammegg“ nach Russland zu
fahren. Da ich dort keine Verwandten hatte und
immerhin in sechs Wochen Weihnachten war, lehnte ich
spontan ab. Außerdem gehörte ich dem Personalstand
der Linzer Dienststelle an und nicht der Wiener. Zu
dieser Zeit waren dies leicht rivalisierende
Einheiten.
Ich machte es mir mittlerweile in meiner Kabine
gemütlich, als ich an Deck laute Schritte vernahm.
Unmittelbar danach klopfte es an meiner Tür. Es war
der Hafensteuermann der zugleich als Bote für die
Herren im Personalbüro unterwegs war. Er händigte
mir einen „Fahrbefehl“ aus, auf dem nicht mehr zu
lesen war, ob ich eventuell nach Russland fahren
möchte, aus “möchte“ wurde plötzlich “muss“. Da ich
mit meinen zwanzig Jahren ein noch junger
Mitarbeiter war, traute ich mich nicht, nein zu
sagen. Also hieß es Koffer packen und umsiedeln auf
die “Kammegg“. Dort wurde ich freudig an Bord
begrüßt, freilich mit einem Hintergedanken, denn
wäre ich nicht gekommen, hätte sich die Abfahrt am
nächsten Tag um Stunden verzögert. Zu dieser
Jahreszeit war es ja nicht mehr üblich, eine Reise
nach Izmail anzutreten oder wie sie im Donaujargon
heißt “Russlandreise“. (Heute natürlich Ukraine).
Pünktlich um 07:00 Uhr erschienen die
Behördenvertreter zur Revision. So eine Amtshandlung
muss schon ordentlich und gründlich durchgeführt
werden, es muss ja schließlich alles seine Ordnung
haben. Deshalb dauerte sie auch drei Stunden.
Natürlich gingen die Herren erst nach einem
fürstlichen “Wiener Frühstück“ von Bord, wobei der
eine oder andere Zöllner bzw. Grenzbeamte beim
Verlassen des Schiffes schon leichte Turbulenzen
zeigte. Mussten doch die ausgeführten Alkoholika
auch verkostet werden, ob es wirklich Alkohol ist…..
Um 10:00 Uhr ertönte das Signal zum Talrondo. Unser
Bug zeigte nun in Richtung Schwarzes Meer. Im
leichten Nebel, der eine Sicht von etwa zwei
Kilometer erlaubte, fuhren wir mit zwei leeren
Güterkähnen der “10.000“ Serie zu Tal. Der nächste
Halt war erst wieder im Komarom.
Auch hier umständliche Revision und Aufnahme unserer
weiteren Anhangkähne. Mit 10 leeren Güterkähnen, in
zwei Fünferreihen fuhren wir weiter. Dies bedeutete
aber auch, dass wir nun schon ein kleines
schwimmendes Dorf waren, betrachtet man die Zahl der
Besatzungsmitglieder. Am Zugschiff waren wir 16 Mann
und eine Köchin, also 17 Personen. Auf den
Anhangkähnen waren die Steuermänner mit ihren Frauen
und in den Bugkabinen die Matrosen ebenfalls
teilweise mit ihren Frauen. Das machte zusammen die
stattliche Anzahl von bis zu 57 Personen. Da
krachten schon die Finger des Zahlmeisters beim
Ausfüllen der Besatzungslisten. Kopierer und
dergleichen gab es ja zu dieser Zeit noch nicht. Die
Besatzungen der Schleppkähne waren überwiegend
ungarische Staatsbürger. Die weitere Talfahrt
verlief ohne besondere Ereignisse, abgesehen davon,
dass der Kapitän mit großer Sorge die täglichen
Wasserstandsmeldungen verfolgte. Dieser war nämlich
alles andere als zufrieden- stellend. Am Sonntag 23.
November trafen wir in Izmail ein. Die Wetterlage
hatte sich mittlerweile verschlechtert, Temperaturen
von Minus 6-8 Grad waren für diese Jahreszeit eher
unüblich. Schön langsam fing jeder von uns, auch
wenn er es nicht zugeben wollte, zu rechnen an. Geht
es sich aus, Weihnachten zu Hause zu sein? Der
Kapitän und mein unmittelbarer Vorgesetzter, der I.
Maschinenbetriebsleiter, merkten sehr schnell, was
bei der Mannschaft vor sich geht. Nach dem
Abendessen wurden wir in die Offiziersmesse
eingeladen und nun begannen beiden Herren, Kapitän
und Maschinenbetriebsleiter, zu rechnen. Wir mussten
10 beladene Güterkähne zu Berg mitnehmen. Wenn sich
die Beladung nicht verzögert, muss es sich leicht
ausgehen, war die korrekte Mitteilung der
Schiffsleitung. Mit einem Augenzwinkern sagte mein
Chef, “man könne den beiden Schiffsdiesel
zusätzliche Power geben“. Nun waren alle beruhigt,
es würde klappen. Aber wir kannten die Mentalität
der russischen Hafenarbeiter nicht. Ständig gab es
Probleme bei der Beladung. Unsere Güterkähne wurden
vom Verladekai verstellt, wenn ein russisches Schiff
kam, erst nach dessen Abfertigung wurden unsere
Kähne wieder beladen. Die Kohle in den Waggons war
zum Teil gefroren. Mit Spitzhacken wurde sie im
Waggon gelockert, dass der Greifer des Kranes dazu
kam. Mittlerweile dauerte unser Aufenthalt in Izmail
schon sechs Tage. Immer öfter sahen wir auf den
Kalender:
Donnerstag 30.November. Endlich war es
soweit. Am Nachmittag setzte sich unser Konvoi mit
10 Güterkähnen, aufgrund des Wasserstandes nicht mit
10.000 Tonnen, sondern nur mit knapp 7000 Tonnen
Kohle in Bewegung. Die Bergfahrt verlief bis Belgrad
ohne Zwischenfälle. Hier musste ein
Güterkahnsteuermann ins Krankenhaus. Allein die
notwendigen Formalitäten dauerten einen halben Tag.
Aber dies sollte nicht der einzige Aufenthalt sein.
Kurz nach Abfahrt von Belgrad, auf Höhe Strom-km
1180,000, wollte der Steuerbordmotor nicht mehr.
Eine Zylinderbüchse war gebrochen. Was das heißt,
brauche ich nicht lange erklären. Anker runter und
Reparatur. Nach zwei Tagen inklusive Einbau einer
neuen Zylinderbüchse und eines neuen Kolben,
Ölwechsel usw., setzten wir unsere Bergfahrt fort.
Das Wasser
fiel stetig, das Thermometer zeigte Minus 8-10 Grad.
Ab jetzt wurde auch der Kapitän unruhig. In Mohacs
angekommen, gab es, wie sollte es auch anders sein,
Probleme bei der Revision, weil wir einen Mann
weniger wie in der Talfahrt hatten. Dieser lag ja in
Belgrad im Krankenhaus. Den Grenzbehörden war dies
egal. Wieder verging ein Tag. Als wir schon absehen
konnten, dass es bald weiterging, fiel der Köchin
ein, sie müsse noch einkaufen. Wir waren sicher,
dass dies der Kapitän verbieten würde. Aber man soll
sich nicht täuschen. Da er mit der sehr ansehnlichen
Köchin ein mehr als gutes Verhältnis hatte,
gestattete er einen Landgang. Damit die arme Frau
nicht schwer tragen musste, wurden zwei Matrosen als
Träger abkommandiert. Das Einkauftrio brachte es
tatsächlich zustande, in Mohacs, wo man von einem
zum anderen Geschäft Sichtkontakt hatte, fünf
Stunden einzukaufen!
Nun war an eine Weiterfahrt im Hinblick des
Niederwassers nicht zu denken. In der Nacht waren
plötzlich in mehr oder weniger langen Abständen
Klopfgeräusche zu vernehmen. Langsam wurde mir
bewusst, die kommen von draußen. Da wir am linken
Ufer auf Anker lagen, konnten diese Geräusche nur
vom Wasser kommen. Im Morgengrauen sahen wir die
Bescherung: Eistreiben hatte eingesetzt. In der
Nacht waren eben diese Eisschollen, die gegen die
Schaufelräder stießen, zu hören. Nun brach Hektik an
Bord aus. Rasch wurde das Schiff für die Weiterfahrt
hergerichtet. Zu allem Überdruss waren bei zwei
Güterkähnen die Ankerwindenmotoren eingefroren.
Mühsam wurden per Hand die Anker gelichtet, was
wieder zwei Stunden in Anspruch nahm. Volle Fahrt
ging es weiter. In Dunaszekcsö, Strom-km 1460,000
überraschte uns derart dichter Bodennebel, dass man
die Anhangkähne aus der Sicht verlor. Die Fahrt
wurde gestoppt, Anker runter und beten, dass sich
der Nebel bald hebt. Drei Tage lagen wir vor Anker;
keine Chance weiterzufahren. Das Eistreiben wurde
immer stärker. Am vierten Tag, es war mittlerweile
der 17. Dezember, erreichten wir mit Mühe und nur
mehr mit halber Kraft fahrend, die bei Strom-km
1479,000 befindliche Stadt Baja.
Von der DDSG Direktion Wien kam Order, sich in Baja
auf den Winterstand einzurichten.
Einen Tag dauerte das Manöver, die Kähne und das
Schiff im Hafen Baja abzustellen. Vier Kähne wurden
von einem ungarischen Schraubenzugschiff in den
Hafen gebracht, weil es für unser Schiff mit
Radschaufeln schon gefährlich wurde.
Am Dienstag 20.Dezember verließ die
Schiffsmannschaft, ausgenommen mir und einem
Matrosen, die “Kammegg“, um mit der Bahn nach
Österreich zu fahren, um Weihnachten zu Hause zu
sein. Ich war ab jetzt für das Schiff verantwortlich
und zuständig für die Heizung und das Aufladen der
Batterien. Nach drei Tagen kannte ich bereits einige
Leute in Baja, die in Hafennähe ihre Häuser hatten.
Auch in den umliegenden Geschäften war ich bald als
„Otto bacsi“ aus Ostrak, Herr Otto aus Österreich“
bekannt. Nun war es soweit, Freitag 24.Dezem-ber,
Heiligabend. Meine ersten Weihnachten nicht zu
Hause! Am Vormittag ging ich zur Post, um meine
Eltern in Linz anzurufen. Zu meinem Erstaunen wurde
mir mitgeteilt, dass das Gespräch angemeldet werden
muss und ich in zwei bis drei Stunden wieder kommen
soll. Um es kurz zu machen, an eine
Telefonverbindung von Baja nach Linz war an diesem
Tag und auch bis zum 30. Dezember nicht zu denken.
Erst da hatte ich Kontakt mit zu Hause. Meine Eltern
wussten natürlich von der DDSG Verkehrsleitung, dass
die Reise der “Kammegg“ in Baja endete. Gegen 17:00
Uhr kamen Besatzungsmitglieder der Schleppkähne, die
auch an Bord blieben, zu mir aufs Schiff und luden
mich ein, mit ihnen gemeinsam, verbunden mit einem
guten Essen, Weihnachten zu feiern. Dies nahm ich
gerne an. Schon zu Mittag begann es zu schneien.
Eine dicke Schneedecke legte sich auf das Schiff.
Temperatur Minus 13 Grad. Am ersten
Weihnachtsfeiertag kamen plötzlich mehrere Männer
und Frauen an Bord. Es waren Bewohner der
umliegenden Häuser, die mich spontan zum Mittagessen
einluden. Vorerst zeigte ich Ihnen das Schiff. Zum
Glück reichten meine Ungarischkenntnisse schon
soweit, dass ich mich relativ gut mit den Leuten
unterhalten konnte. Während des Mittagessens am
ersten Weihnachtsfeiertag wurde mir schon
mitgeteilt, in welches Haus, bzw. zu welcher Familie
ich am nächsten Tag kommen muss. Ich wollte
natürlich die mir schon bekannte ungarische
Gastfreundschaft nicht überbeanspruchen. Aber eine
Absage wäre für die Leute eine Beleidigung. Also
nahm ich die Einladung an. Zwischen Weihnachten und
Silvester sanken die Temperaturen auf Minus 22 Grad.
Der mit mir an Bord anwesende Matrose und Matrosen
von den Güterkähnen begannen einen Eiskanal um die
Schiffe zu schneiden. Mit großen Eissägen gelang
ihnen dies binnen weniger Stunden. Die Eisstärke im
Hafen war auf beachtliche 15 Zentimeter angewachsen.
Silvester feierten wir gemeinsam mit meinen
Freunden aus Baja, vorerst an Bord, dann in einer
Csarda in Hafennähe. So verging ein Tag um den
anderen. Ich freundete mich bald mit der Tochter des
Chefs der Viszirendörszeg (Wasserpolizei) an. Sie
wollte deutsch lernen, ich zeigte ihr, wie das geht!
Ehe ich mich versah, war der Jänner vorbei.
Mittlerweile war mein Deutschunterricht mit Ilonka,
so hieß die fesche Polizistentochter, in eine Phase
geraten, wo es langsam gefährlich wurde. Sie meinte
eines Abends, richtig deutsch kann man nur in Ostrak
oder Austria lernen, also möchte sie mitkommen. Na,
jetzt wurde es langsam aber sicher heiß! Aber an
eine Abreise war nach wie vor nicht zu denken. Erst
Ende Februar erfuhr ich von einem DDSG Agenten aus
Budapest, der mich in Baja besuchte, nicht ohne
einen Packen Forint mitzubringen, ich lebte zwar
teilweise von der Liebe, aber das übrige Leben
kostete auch in Ungarn etwas -, dass in Österreich
bereits Tauwetter einsetzt, somit aber mit
Hochwasser zu rechnen sei. Dies traf, genau wie
vorausgesagt, ein. Am 3. März kam der Eisstoß in
Bewegung. Am Freitag 4.März traf, von Wien kommend,
die gesamte Mannschaft ein, am gleichen Tag musste
ich den Deutschunterricht beenden. Mich traf fast
der Schlag, als der Vater von Ilonka mir den Auftrag
gab, bald wieder zu kommen. Es gäbe eine gute
Busverbindung von Budapest nach Baja. Am Sonntag
6.März setzten wir mit dem ganzen Konvoi unsere
Reise, die am 15.November des Vorjahres in Wien
begonnen hatte, fort. In Wien kamen wir am 14.März
an. Meine Russlandreise dauerte somit genau vier
Monate.
Erst später erfuhr
ich, dass die Stammmannschaft sich deshalb krank
meldete, weil sie schon den Verdacht hatten, Wien im
gleichen Jahr nicht mehr zu erreichen. So war es
tatsächlich, sie sollten Recht behalten.

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