Flaschenpost Nr. 1
25. Februar 2005         Jahrgang 10

Mein erstes Berufsjahr
von Albert Krobbach,
 ehemaliger Hafenmeister in Andernach

Da ich aus einer Schifferfamilie stamme, stand schon zu meiner Schulzeit fest, dass ich in die Fußstapfen meines Vaters treten würde. Mein Vater versuchte mich zwar bei einem, in meinem Heimatort bekannten Bäcker als Bäckerlehrling unterzubringen, aber alles Zureden half nichts.
So fuhr ich dann am Osterdienstag des Jahres 1942 mit meiner Mutter nach Wesseling zur Reederei Braunkohle. Hier kam ich nach einem Kurzlehrgang an Land zunächst auf das, wie man so schön sagt, Räderboot „Braunkohle 4“. Wir befuhren nur die Strecke Wesseling – Bingen und zurück.
Im Spätherbst wechselte ich auf das in Wesseling stationierte Hafenboot „Braunkohle 6“ (Viktor Weidtmann) zu Kapitän Schepers, der die reinsten Drahtseilakte, im wahrsten Sinne des Wortes, vollführte, wenn er die Schiffe zur Beladung an die einzelnen Kräne bugsieren musste.

Da hatten wir u. a. einen Heizer, der keine Zähne mehr hatte. Wenn dieser Frühstücken ging, schlich ich hinter ihm her. Er musste ja, da er zahnlos war, die Kruste vom Brot abschneiden. Die verschlang ich dann mit Heißhunger, denn wir hatten ja Krieg und nicht viel zu essen. Diese Geschichte („Soll ich euch mal ein „Stückelchen“ von der armen Zeit erzählen?“) erzählte ich immer meinen Kindern, wenn sie den Teller nicht leer essen wollten. (Vergebliche Liebesmüh; was man selber nicht erfahren hat, kann man schlecht   nachvollziehen.)

Eine andere Episode auf demselben Schiff begann Anfang 1943. Mein Kapitän ging in Urlaub und wir bekamen einen Ersatzkapitän aus Rheindürckheim, der mit zwei schweren Koffern angereist kam. Was in dem einen Koffer war, wusste ich nicht, aber der zweite war voll mit Fleisch und Wurst. Ich hatte die Aufgabe zu erledigen, die Wurst in einen Kleiderschrank auf einer lose eingehängten Stange aufzuhängen. Dabei lief mir das Wasser im Mund zusammen. Als sich zuviel Wasser in meinem Mund angesammelt hatte, konnte ich mich nicht mehr beherrschen und nahm mir ein sog. „Heinzelmännchen“. Nach Beendigung meiner Arbeit meldete ich mich beim Kapitän. Derselbe besah sich dann mit Argusaugen meine Gesamtarbeit, zählte nach und fragte mich, ob ich eine Wurst gegessen hätte. Mein Ja und eine schallende Ohrfeige kamen zur gleichen Zeit. Er sagte mir noch, dass er mir beim Abschluss meiner Arbeit sowieso eine gegeben hätte. Nun ja, da würde ich vielleicht heute noch darauf warten!
So vergingen Tage, Wochen und Monate. Ich war in der Zwischenzeit als Schiffsjunge auf dem Schraubenboot „Damco 20“ gelandet. Und wie das Schicksal  es so wollte, ging mein Kapitän in Urlaub, und wer war der Ersatzkapitän? Richtig, Herr Reinhard aus Rheindürckheim! Er kam in Ludwigshafen an Bord, wieder mit zwei Koffern! Was in dem einen war, wusste ich, wie gesagt, nicht. Den zweiten Koffer packte er diesmal selbst aus!

 


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