Flaschenpost Nr. 2
10. Juni 2005              Jahrgang 10

BUCHTIPP

„Andere Umstände“
von Grit Poppe

Grit Poppe ist eine junge Autorin aus der untergegangenen DDR, die mit „Andere Umstände“ ihren ersten Roman vorlegt. Sie erzählt von Mila Rosin, die kaltblütig ihre Bahn zieht. Das Messer, das der Vater dem Scheidungskind früher geschenkt hatte, ist stets mit im Gepäck. Es dient ihr nicht nur als Zeichen der Erinnerung, sondern auch als Mittel zum Mord. Mila hat nämlich ein Problem mit Männern, die nicht ihr Spiel spielen. Zum Beispiel will der verheiratete Lehrer Kraus sie einfach nicht zur Mutter machen. Da sticht Mila tödlich zu und verrät einem Schulfreund unmittelbar nach der Tat: „ Weißt du schon das Neueste? Morgen fällt Englisch aus.“
Eine Mitschuld trägt auch der Vater, der nie da ist und der Tochter den Rat gibt: „ Wenn du wütend bist, dann nutze die Energie deiner Wut.“ Ganz beiläufig ersticht Mila auch Leopold, als der versucht die Witwe von Herrn Kraus zu vergewaltigen. Das ist Jahre nach dem ersten Mord, und Frau Kraus bekommt nun eine Ahnung, wer ihren Mann auf dem Gewissen haben könnte. Gegenwärtig befindet sich Mila in San Francisco, endlich mit einer Tochter namens Alice. Freund Victor hatte sie am Tage des Mauerfalls auf die Idee mit San Francisco gebracht. Er ist auch der Vater von Alice. Doch von Mila in den Tod getrieben wird Alice ohne Vater aufwachsen wie Mila und Milas Mutter auch. Auf keinen Fall will sich Mila ihre Tochter nehmen lassen, weshalb auch der Amerikaner John vorzeitig mit Hilfe von Föhn und Badewanne aus dem Leben scheidet. Grit Poppe hat jedes Kapitel mit einem Nahrungsmittel überschrieben – von Käse über Kartoffeln und Cornflakes bis zu Kaffee. Es geht ums Überleben, und da muss der Bauch voll sein, aber auch die Seele bedarf der Sättigung und daran mangelt es Mila vor allem. Ein schneller, angenehmer, kurzweiliger Roman mit einem kessen jungen Ton einer jungen Autorin aus dem noch jungen Deutschland,

A. Gaschik

 


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