Flaschenpost Nr. 2
10. Juni 2005              Jahrgang 10

Käpt’n Ebbi und seine Flusspiraten
Seemannsgarn, gesponnen von Stephan Kröner und Wiebke Gerndt

 „ ... Jo jo, da habt ihr ja allen Grund, euch zu verstecken. Aber hier auf dem Fluss fragen wir nicht danach, was einer hinter sich hat, hier zählt nur, was einer kann. Spaghetti kochen zum Beispiel.“ Käpt’n Ebbi brummelt freundlich in seinen Bart während er uns begrüßt. Gruselig sieht er aus mit seiner Augenklappe über dem linken Auge. „Trafalgar?“ fragen wir ehrfürchtig. „Nee, gehört zur Dienstkleidung.“ Er klappt die Klappe hoch und der Schalk lacht aus seinen beiden gesunden Piratenaugen. „Oder habt ihr schon mal einen echten Piraten ohne Augenklappe gesehen? Aber zurück zum Thema: „Ihr müsst Euch unter der Kohle verstecken, wenn die grünweißen Piratenjäger uns entern sollten. Aber selbst wenn: keine Angst, bei mir und meiner Mannschaft seid ihr sicher. Nicht wahr, Ronda? Zeig mal, was Du kannst.“ Und noch ehe ich mich versah, befand sich meine Nase zwischen den Zähnen des schwärzesten, gruseligsten Piratenhundes diesseits der Elbe. Aber sie zwickte nur zärtlich zu. „Wenn Du Piratenjäger wärst, hättest Du jetzt den letzten Tabak Deines Lebens schon geschnupft. Aber Ronda weiß schließlich, wer die Guten sind. Nicht wahr Ronda? Leckerchen? Ihr hättet mal den letzten Bösen sehen sollen, der mein Fahrtenbuch kapern wollte. Aber nu kommt erst mal mit.“ Käpt’n Ebbi stapfte die Treppe hoch und öffnete die knarrende Tür zum Steuerhaus. So, Boni, kannst auf die Rückbank wechseln, ich übernehme das Steuer wieder.“ Und mit einer Leichtfüßigkeit, die man dem zweiten Piratenhund nie zugetraut hätte, sprang er auf die Rückbank. „Zwei Schiffshunde?“ fragten wir ungläubig. „Nein, vier“ sagte Käpt’n Ebbi. Laut Binnenpiratenschiffahrtsordnung ist pro 1000 t Ladekapazität ein Piratenhund Vorschrift, bei wertvoller Ladung zwei. Und wir kapern schließlich nur wertvolle Beute. Auch wenn die Prisen verdammt schlecht sind in letzter Zeit. Da müssen wir ab und zu auch noch nach zehn Glasen auf der Nachtwache ein Schiff entern“. „Verdammt, Ebbi, die grünweißen an Steuerbord, zwei Strich achterlicher als querab“ kommt es plötzlich vom Bug. „Das ist Ladja, mein bester und einziger Matrose, der sieht alles.“ Und mit großer Gelassenheit spricht Käpt’n Ebbi ins Mega-phon: „Jitka, bitte noch zwei Schaufeln Kohle in die Vernebelungsanlage“ Und die Matrosin antwortet: „Mit dem größten Vergnügen“ und tut, wie ihr geheißen. Wenig später steigen beißende, schwarze Nebelschwaden aus dem Vernebelungsrohr am Heck unseres Schiffes auf. Auf dem Piratenjägerboot sieht man den Kapitän, schwarz von Ruß sich die Augen reiben, und wie Rumpelstilzchen an Deck umherhüpfen. Sie bleiben immer weiter zurück. „Die sind wir los, Ebbi“ sagt da Kerstin, die Piratenbraut

„Klar, Mäuschen. Ist aber doch immer so. Weißt Du noch, damals auf der Saar, als wir mit dem wertvollen Erz Wettrennen mit den Schergen des Königs gespielt haben?“ Und so langsam fühlen wir uns sicher. Wir nehmen auf der Rückbank Platz und fragen dem Käpt’n Löcher in den Bauch. Warum Flusspiraten keine Segelschiffe mehr fahren (weil die Flusspiratenjäger auch keine mehr haben), wie viel man pro Tonne erbeuteter Ladung in Amsterdam erzielt (viel zu wenig, und wegen der verdammten holländischen Freibeuter, die einem mit staatlichem Kaperbrief und von der königlich Holländischen Bank vorfinanziert, die besten Prisen abjagen, immer weniger), warum uns der Käpt’n so bekannt vorkommt (weil er schon so oft für Piratenfilme angeheuert wurde, das ist lukrativer als Schiffe kapern) und wozu er so ein dickes Fernglas hat (um die schönen Piratenbräute am Ufer genauer in Augenschein zu nehmen, und dabei immer wieder festzustellen, dass keine mit seiner Kerstin mithalten kann). Wir massieren die Schiffshunde (schließlich muss der alten Piratenkrankheit Rückenschmerz vorgebeugt werden), lesen die Weiterbildungslektüre (Kapern für Anfänger, die kleine Enterfibel, Westdeutscher Schifffahrts- und Hafenkneipenkalender, Klappschuten aufstöbern und versenken, Haltung und Pflege des Kielschweins) und beginnen so langsam, uns sicher zu fühlen.

 „Linienschiff voraus“, dröhnt es da vom Ausguck und schon sehen wir ihn vor uns, den Zweidecker, wie er mit ausgebrannten Geschützen da liegt und uns die Weiterfahrt versperrt. Widerstand zwecklos. Scheinbar. Die kennen Käpt’n Ebbi schlecht. „Jitka, setz’ doch bitte die blaue Flagge, ich denke wir fahren nach Backbord auf dem Geheimweg in den Twente-Kanal.“ „Aber der ist nur für 2,50 m Tiefgang zugelassen, und wir haben mindestens 2,80 m “. „Macht nix, los ihr beiden“ wendet er sich an uns: „Hier ist ein Packen Luftballons, ab in den Maschinenraum an die Sauerstoffflaschen und aufblasen. Wenn wir die vorne anhängen, kommen wir auf 2,60 m Tiefgang, dann noch den Kaffee von Bord, das dürfte reichen. Und wenn ihr fertig seid, ab unter die Kohlen, damit euch keiner findet!“

Hauptdarsteller:
Piratenschiff  ………………………………………..         MS BAYER. WALD
Käpt’n Ebbi …………………………………………         Eberhard Butenhof
Piratenbraut Kerstin ………………………………..         Kerstin Weiß
Matrose Ladja ………………………………………        Ladislav Jaros, Steuermann
Matrosin Jitka ………………………………………         Jitka Jarosova, Matrose
Piratenhund Ronda …………………………………        Bordhund Ronda
Piratenhund Boni ………………………………...…         Bordhund Boni

   

Fortsetzung folgt in der
FLASCHENPOST Nr. 3/2005

 

 


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