Flaschenpost Nr. 4
Dezember 2005           Jahrgang 10

BUCHTIPP


„Kriegskinder“
von Hilke Lorenz

 

Lange haben sie geschwiegen, all jene Menschen, die in den Jahren des 2. Weltkrieges Kinder waren. Erst jetzt, mehr als 50 Jahre nach Ende des Schreckens, melden sie sich zu Wort, vorsichtig und leise, als hätten sie nach wie vor Angst, man könnte ihnen das Sprechen verbieten. Eine von denen, die ihnen zugehört haben, ist Hilke Lorenz, eine Journalistin aus Stuttgart. „Kriegskinder.  Das Schicksal einer Generation “ heißt ihre Zusammenstellung bewegender Geschichten und Erinnerungen von Betroffenen.
Hilke Lorenz hat ihre Gesprächspartner und –partnerinnen klug gewählt und sie behutsam zum Sprechen gebracht. Anhand von Einzelschicksalen schildert sie eindrucksvoll die ganze Bandbreite des Krieges, erzählt von Vertreibung und Flucht, vom Verlieren und Wieder finden, und von den Folgen, die das Erlebte für viele der Kriegskinder ein Leben lang hat. So hat die inzwischen 62 Jahre alte Erika Koch bis heute Angst, verloren zu gehen, wenn sie mit einer Gruppe unterwegs ist. 1944, auf dem Treck nach Westen, verliert die damals Dreijährige ihre Schwester, die Mutter ist schon vorher aus Krakau geflohen und hat die beiden Töchter der Obhut des polnischen Kindermädchens überlassen. Erst 1948 trifft Erika Koch Mutter und Schwester wieder. Die Angst, verlassen zu werden, hält sie bis heute gefangen. Noch viele andere Geschichten ließen sich erzählen. Etwa die von Ludger Heinz, den eine Straßenbahnschaffnerin vor dem sicheren Tod bewahrt. Statt seiner wird die junge Frau während eines Fliegerangriffs von MG-Garben durchlöchert. Die Kriegskinder sind schon lange erwachsen, längst haben sie eigene Kinder und Enkel. Es wird Zeit, dass man ihnen zuhört.

A. Gaschik

 


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