Flaschenpost Nr. 2
Juni 2006                    Jahrgang 11

Wenn einer eine Reise tut ...

Zum 6. Mal durfte ich eine Reise auf dem (der?) MS „Jenny“ machen, meinem inzwischen lieb gewonnenen  und in allen Ecken und Winkeln bekannten Schiff. Diesmal sollte es eine Reise der besonderen Klasse sein, nicht einfach Relaxen und ´Seele baumeln lassen´, was sonst  immer meine Hauptbeschäftigung war. Nein, Konzentration und harte Arbeit war angesagt! Arbeit nicht im Sinne von Schiffschrubben etc., sondern von künstlerischem und darstellerischem Wert.
Kurzum, ein Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks kam mit mir an Bord, um einen Urlaubsgast bei seiner Urlaubsbeschäftigung und seinem Aufenthalt und seinen Eindrücken an Bord zu begleiten.

Schon vor meiner Anreise stieg bei dem Gedanken an das Bevorstehende eine riesige Spannung in mir auf, die mich zeitweise fast in Angstzustände versetzte. Ein Medienspektakel auf der „Jenny“ und ich als Hauptdarsteller! – Unmöglich! Das kann doch nicht gut gehen! Wie halt ich das durch? Was ist, wenn ich mich verspreche, dummes Zeug rede, mich ungeschickt anstelle? Was werden die mich fragen, kann ich das auch rüberbringen ohne mich zu blamieren? So schwirrten meine Gedanken wild durcheinander und konnten nur durch zeitweise Einnahme einer Beruhigungspille (pflanzlich!) gebändigt werden.

Dann kam der Tag, als mich Steuermann Bruno, der gerade Schichtwechsel hatte, und Freundin Bettina in Wiesbaden an der Autobahn mitnahmen und an Bord brachten. Wir hatten uns unterwegs lebhaft unterhalten, so dass die Zeit schnell verging und meine Erregung merklich nachließ.

Im Mittellandkanal in der Nähe von Recke erreichten wir das Schiff. An Bord dann das freudige „Hallo“ mit Karin und Albrecht – ich hielt in meiner kleinen Ferienwohnung Einzug und fühlte mich schon bald wieder wie zuhause. Das Wetter war gut, so dass man sich im Freien aufhalten konnte und ich neugierig die mir fremde Umgebung in Augenschein nahm. Wie immer erklärte mir Albrecht alles was ich wissen wollte und so verging die Zeit, zwischen drin mit traditionellem Kaffee und Kuchen, wie im Flug.

Am nächsten Tag war es dann soweit. Das Fernsehen war im Anmarsch und wurde bis Mittag erwartet. Meine Aufregung stieg wieder an, also war wieder eine Pille notwendig! Per Telefon wurde die Mannschaft von Albrecht an den Kanal gelotst.

Inzwischen erfuhr ich von der Schifferin Karin, die durch die Verpflegungsvorbereitung für so viele Leute auch schon leicht rotierte, dass 3 Mann des Teams in meine kleine Kajüte zur „Untermiete“ einziehen würden. Oh Schreck, wie soll das gehen, (eine weitere Pille war unbedingt fällig!) Es würde eng werden wie in einer Sardinenbüchse und die vielen Schuhe im Eingang – unvorstellbar!

In der Mittagszeit war es dann soweit, der blauweiße VW-Bus des B R kam in Sicht. Schon kam die erste Anweisung des Aufnahmeleiters, der Gast möge auf dem Vorderschiff im Liegestuhl Platz nehmen, mit Fernglas ausgestattet aber nicht in die Kamera auf der nächsten Brücke blickend! Ich schlang mein Essen hinunter und eilte so schnell wie möglich nach vorne und (zuerst noch eine Pille!!), setzte ich mich für meinen Begriff zu „touri-mäßig“ nieder.

Dann legte die „Jenny“ an der nächsten Liegestelle bei, um das TV-Team aufzunehmen. Nach dem Essen wies ich „meine Gäste“ in unsere enge Behausung ein und man war allgemein erstaunt, welch ein Raum selbst in der kleinsten Hütte sein kann!

Danach geschah erst mal gar nichts, denn die Gäste waren so beeindruckt vom Schifffahren, dass sie dies erst mal genossen. Dann kam mein erster Auftritt auf dem Vorderschiff (es musste wieder eine Pille rein!) mit Interview über die Gründe meines Aufenthaltes und die Freude darüber, hier zu sein. Ich hatte mich gedanklich schon etwas präpariert und konnte (dank meiner Medizin!) auch frei von der Leber weg reden. Am Ende war man voll des Lobes, was ich als Medienlaie kaum fassen konnte, so dass der Bann gebrochen war und ich mich  vorerst mal selber für „echt cool“ hielt (von nun an wurde die „Drogeneinnahme“ deutlich reduziert!). Am Abend vor dem Schlafengehen schenkte ich noch einen „Schoppen“ vom mitgebrachten Rheinhessenwein ein und alle schliefen wie die Murmeltiere bis auf mich, der die ersten Eindrücke noch verarbeiten musste.
Der nächste Tag begann mit früh Aufstehen (ich bereits um 5.oo wegen meiner vielen Mitbewohner).
Um 6.oo Dreh vor dem Ablegen –meine Ankunft an Bord! Noch etwas müde, aber es hat geklappt. Zweiter Dreh mein Einzug in die Wohnung, ging beim zweiten Versuch auch gut.

Das Pilleneinwerfen hatte sich inzwischen erledigt, ich hatte mich nun bereits recht gut in das Team integriert. Wir saßen öfters vorne in der Sonne und relaxten – die gemächliche Fahrt bei schönstem Wetter (wie extra bestellt!) war auch für die Fernsehleute eine willkommene Abwechslung zu dem sonst üblichen Drehstress.

Am Mittag war Besichtigung des Maschinenraums, wie Bruno mir die Maschine und das Abschmieren etc. zeigt. Ich glaube,  soviel Öl haben die Kolben und Zylinder noch nie abbekommen bis das fertig gedreht war. Es gab dann noch ein Interview mit dem Schiffsführer Albrecht  im Steuerhaus, mit der Schiffersfrau Karin  in der Küche und mit mir beim Abendessen mit der Familie als Gastgeber. Ein weiterer „Rheinhessen-Schoppen“ beendete dann mit der nötigen Bettschwere den zweiten Tag.

Am dritten Tag gab es am Morgen den letzten Dreh beim Löschen unseres Schiffes, das Ton aus dem Westwald hierher nach Vahldorf bei Magdeburg brachte. Auch das ist gut verlaufen mit Interview vom Hobbyschiffer und ich konnte nach dem anfänglichen Stress zufrieden sein mit mir. Nach herzlicher Verabschiedung zog der BR-Bus von dannen, machte noch einige Aufnahmen von einer nahe gelegenen Brücke von unserem Schiff beim Löschen und entschwand.

Am Abend, als wir leer nach Magdeburg fuhren, gab es noch ein aufregendes Ereignis auf dem Kanal. Eine alte Stahlbrücke aus DDR-Zeiten lag so niedrig, dass sämtliche Aufbauten des Schiffes abgebaut werden mussten, selbst die Autos mussten in den Laderaum verstaut werden. Dann kam die Brücke näher und näher, die Nervosität des Schiffspersonals einschließlich mir stieg bis aufs Äußerste! Es hat gerade so gelangt, höchstens eine Handbreit war noch Platz zwischen Brücke und Schiff. Der Schiffsführer verschwand mit einem Mal ganz von der Bildfläche, so dass das Schiff für einige Sekunden führerlos war. Wir dachten schon, ob er sich wohl selbst skalpiert hat?!

Mit einem schönen Sonntagsausflug mit meinen Schifferfreunden nach Magdeburg und Quedlinburg endete meine diesjährige Erlebnisreise, für die ich Karin und Albrecht  Scheubner nochmals sehr herzlich danke. Ich ging mit dem Gefühl  „a star is born“ von Bord, wenn auch nur für 4 ½  Min. Sendezeit in der BR-Frankenschau. Mit der Bahn (noch mal ein Erlebnis für einen eingefleischten Autofahrer) habe ich dann, gefüllt mit vielen neuen Eindrücken, den Heimathafen wieder erreicht.

Ich freue mich schon auf die nächste Fahrt irgendwann? – so Gott will!

Herzlichst Ihr Winzer-
i. R.- und Hobbyschiffer Gerhard Jost

 

 

 


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