Flaschenpost Nr. 3
September  2006          Jahrgang 11

Zu Gast bei Freunden…….

Zu Beginn der 70er Jahre bekam eines unserer Tankschiffe ein neues Heizschlangensystem auf einer der größten niederländischen Werften in Rotterdam eingebaut.
An einem Mittwoch fuhr ich mit dem Auto von der Ruhr nach Rotterdam, um den Fortgang der Werftarbeiten zu überprüfen, und mit dem lobenswerten Vorsatz, spätestens gegen 16.00 wieder zurück im Büro zu sein.
Dass daraus nichts wurde lag zum einen an Bayern München, und zum anderen an der Gastfreundschaft unserer holländischen Freunde. Beim gemeinsamen Mittagessen im   “Chalet Suisse“ wurde mir mitgeteilt, heute Abend spiele “Sparta Rotterdam“ im Europapokal gegen die Bayern, kein Problem, mir eine Karte zu besorgen. Allerdings liege im Betriebsbüro eine Tippliste aus, in die ich mich noch einzutragen hätte. Mein Sportsgeist war geweckt, der wichtige Bürotermin wurde verschoben und eine 2. Eintrittskarte für den an Bord befindlichen Reedereischiffsführer herausgekitzelt. Beim Studium der Tippliste gab es 11 abgegebene Tipps von 1:0 bis 3:1, aber keinen mit dem Ergebnis 1:3. Also trug ich mich mit diesem Tipp in die Liste ein, zahlte meinen Obolus von 1 Gulden, ertrug den Hohn und Spott meiner Gastgeber mannhaft und begab mich mit meinem Schiffsführer abends zum Feijenoord-Stadion. Gegenüber der Koniginloge nahmen wir im Block N Reihe 64 unsere Plätze ein, missbilligend beäugt von Sparta-Anhängern, wenn wir die Bayern anfeuerten.
Zur Halbzeit stand es 0:1, Gerd Müller hatte getroffen und aus meinem  Tipp konnte noch was werden. Als der Ausgleich zum 1:1 fiel, fielen vor Begeisterung auch einige Holländer unter uns von ihren Sitzen, allerdings durfte ich mir einige Zeit später, es stand inzwischen 1:2, auch eine deutliche Rüge hinter den Spiegel stecken: 30m unter uns lief Beckenbauer mit dem Ball am Fuß elegant an der Seitenlinie Richtung Sparta-Tor, als sich ihm unbemerkt von hinten ein Sparta-Spieler näherte. “Franz, Hintermann!“ schrie ich, so laut ich konnte. Das war selbst einem toleranten Niederländer des Guten zu viel, 3 Sitzreihen unter uns drehte er sich zu mir um und rief: “He, Muff, niet vorzeggen!“
Wiederum Gerd Müller erzielte das 1:3, leider waren aber noch 12 Minuten zu spielen, die Bayern hatten Chancen über Chancen, das Ergebnis höher zu schrauben. Als zwei Minuten vor dem Ende der Müller Gerd frei vor dem Tor auftauchte, aber einen Meter rechts daran den Ball vorbeidonnerte, ich vor Entsetzen erst “Nein“ und dann  “Gott sei Dank!“ schrie, musste der Gute annehmen, ich sei nun komplett verrückt geworden, sein Kopfschütteln sprach jedenfalls Bände.
Zurück an der Werft, übergab man mir feierlich 12 Flaschen Bokma, oude Genever, und als Zugabe in einem Plastiksack 1 Kg. Schwarzen Tee, lose und unverpackt. Unser Schiffsführer bat darum, zum Duisburger Hauptbahnhof mitgenommen zu werden, was ich schlecht abschlagen konnte, also machten wir uns, nachdem wir unser Schmuggelgut unter den Fahrzeugsitzen des Firmenwagens verstaut hatten, auf  die Heimfahrt.
Gegen 0:30 am frühen Morgen kamen wir an den Autobahngrenzübergang Emmerich, der Schiffsführer schlief  neben mir den Schlaf des Gerechten, genau so wie der deutsche Zöllner in seinem Abfertigungshäuschen. Dienst tat neben ihm sein holländischer Kollege.
Mühsam ein Gähnen unterdrückend kam dessen obligatorische Frage: “Haben Ssie etwas anszugeben?“. Meine Antwort: “Guten Morgen, Nein!“ Neben mir wurde der Sfr. hellwach: „Ja klar, Sparta – Bayern 1 zu 3!“ „Fahren Ssie rechts ran und ssteigen Ssie aus!“ Der Tee duftete herzhaft durch den beschädigten Plastiksack, 12 Flaschen Bokma wollten unbemerkt über die Landesgrenze und dieser Hotzenplotz aus Honau neben mir machte auf Völkerverständigung. Der deutsche Zöllner, inzwischen ebenfalls unter den Lebenden, sprach ein Machtwort: „Jan, laß ihn fahren, die Leute kommen von der Arbeit“, worauf Jan sagte: „Fahren Ssie, aber snell!“ Ja, was, wo im Grenzbereich nur 40 Km/h erlaubt sind!
Der Tee ist inzwischen getrunken, eine Flasche Bokma aber wartet immer noch im Keller auf  ihren Einsatz für den Fall, dass wir mal unverhofft Besuch aus Holland bekommen!

Rainer Stolte, der vom rechten Niederrhein . . .

 

 

 


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