Flaschenpost Nr. 4
Dezember  2006          Jahrgang 11

Aus der Zeit zwischen 1950 bis 1955
 von Werner Firmbach aus Würzburg

Wir lagen in Wesseling vor Anker und warteten auf ´ne Reise Brikett

Querab oberhalb vom Braunkohlebüro auf Strom lagen wir vor Anker, meist mehrere Schiffe in einem Block. Die ganzen „Määschnickel“ und die „Neckarer Huddel“ und andere. Sie alle warteten auf ´ne Reise Brikett in den Oberrhein, in den Neckar oder zu einer Mainstation. Die Wartezeit nicht selten 14 Tage und länger; Motorschiffe und Schleppschiffe.
Jeden Morgen wurde der Schiffmann mit dem Nachen an Land gerudert und meldete sich im Braunkohlebüro, das zum Rhein hin eine Rundverglasung hatte; ähnlich dem Tower eines Flugplatzes. Von hier aus hatten die Disponenten mit dem Fernglas einen weiten Überblick über die gesamte „Wesselinger Reede“, bis runter zum Kran 13, unmittelbar oberhalb der Godorfer Hafeneinfahrt. Der Strom machte dort eine Rechtsbiegung

„Adler“ hieß der Chefdisponent der Braunkohle. Er herrschte über die gesamte Einteilung der Schiffe und war quasi der „Liebe Gott“, dem die Schiffsleute ehrfurchtsvoll begegneten, und er war deswegen auch gefürchtet. Anlegen sollte man sich nicht mit ihm, das konnte die Wartezeit verlängern. Der Einteilungs- und Ladezeitpunkt lag in seiner Macht.
Jeden Morgen das gleiche Spiel: An-Land-rudern, Anfrage beim Disponenten Adler, vertröstet werden auf den nächsten Tag oder die nächste Woche  . .
Zwischenzeitlich wurden ja auch Braunkohleschleppschiffe geladen, die für einen Schleppzug zusammen gestellt wurden, und dann z.B. von der <Räderboot> „Braunkohle XV“ aufgepackt wurden.

Inzwischen an Bord: „Tauschwenken“ – eine Art Religion, war ansteckend. Holzluken reparieren, Persennning erneuern, Persenning plexeln (besserer Ausdruck für Flicken), neue Lukenbretter einziehen, mit Braunteer tränken, Holzmärklinge erneuern, Holzschotten, Holzstrau, Holzseitenverschalung reparieren und Ritzen mit Putzwolle abstopfen, damit Brikettstaub und bei Getreideeinladung die Getreidekörner nicht durchrieseln.
Dann: Maschine putzen – Altöl aus den Kanälen auf dem Motorblock mit Putzwolle aufsaugen, das vom Kipphebel- und Ventilabschmieren herunterlief. Kühlwasserfilter reinigen – Schmierölfilter und Gasölfilter im Gasöleimer mit einem Eckpinsel säubern, Filtertöpfe anschließend entlüften. Wehe, es wurde vergessen! Stoßeisen schleifen, Roststellen abkratzen und vorgrundieren.
Vom Gangbord aus Schiff schwarz machen und von der Außenbordstreppe die Eichen aufmalen, wenn gerade mal keiner auf Seit war. Kohleteetropfen im Wasser war damals kein Delikt.

Abends dann, nach Feierabend haben wir uns mit den Matrosen und Schmelzern von den auf Seite liegenden Schiffen in einer unserer vorderen Decksküche getroffen. Äppelwoi (auch Apfelwein genannt) getrunken, gequält, erzählt von Frauen, mal über sie gewettert, mit Ziehharmonikabegleitung Heimat-, Volks- und Schifferlieder gesungen, auch mal einen Schlager, soweit er zu uns aufs Wasser durchdrang. Radio und Fernsehen: Fremdwort. Mit 12 Volt Bordspannung war gerade mal die Beleuchtung gesichert.

Endlich waren wir an der Reihe! Order vom „Tower“ der Braunkohle: „Laden Sie heute Nachmittag, 14.00 Uhr – am Kran 13 – 650 Tonnen Brikett für Heilbronn“.
Jetzt kommt Freude auf: Vierkant aufdecken. Einer im Gangbord hebt die Luke unten hoch aus der Klampe und zieht sie leicht nach unten. Der Schmelzer oben auf dem Kappdeckel vom Scherstock turnend, mit gespitztem Lukenhaken (auch Lückehoke genannt) in der Hand, hebt damit das obere Lukenende frei. Ein Ausrutscher, und der Schmelzer landet drei Meter tiefer auf der Strau. Aber jeder hat aufgepasst. Die Luken wurden auf das nächste Herft aufgestapelt,  dann folgte eine Lage Märklinge, darüber wurde meist nochmals ein Stapel Luken gesetzt und obendrauf wieder eine Lage Märklinge vom Nachbar-Laderaum. Auf halber Stapelhöhe werden Braunkohleendchen (mit Braunkohleeteer getränkte Taue, die von der letzten Brikettreise „übrig“ waren) eingelegt und das Ganze dann oben gebunden, damit der doppelte Stapel nicht in den Raum fällt, wenn der Brikettkübel des Ladekrans dagegen kommt.
So, jetzt Anker raus – halt: erst mal den Ankermotor mit dem Schwengel andrehen. Zuvor Knebel raus, Lunte rein, Knebel mit Lunte in den Zylinderkopf reinschrauben, Dekompressionshebel anziehen, und dann den Motor mit dem Schwengel auf Touren bringen. Dekompression loslassen. Hoffentlich schlägt der Hund nicht zurück. Gott sei dank, er läuft!

 

Fortsetzung folgt in FLAPO Nr. 1/2007

 


   Seite zurück

- 16 und 17 -


Seite vor     

Inhaltsverzeichnis