Flaschenpost Nr. 4
Dezember  2006          Jahrgang 11

„Nimm mich mit, Kapitän....“

Per Anhalter auf Deutschlands Wasserstraßen

Im Juli begleitet ein Kamerateam des SWR einen Schiffstramper von Mainz Richtung Passau.  Nur 10 Tage haben sie Zeit. Dabei geht es gar nicht um die Frage, ob sie ihr Ziel erreichen, denn der Weg ist das Ziel. Für das Fernsehteam wird es eine Entdeckung der Langsamkeit und zugleich die Entdeckung ungewöhnlicher Perspektiven auf deutsche Landschaften und einen Berufsstand zwischen  Wirtschaftlichkeit und Romantik.

Aller Anfang ist schwer
Es  ist 4 Uhr 20 und noch dunkel, als uns der SWR-Fahrer an der Schleuse Mainz-Kostheim aussetzt. Tobias Frisch, ein Frankfurter Endzwanziger, gönnt sich vor dem Einstieg ins Berufsleben einen Abenteuerurlaub. Geld hat er keins, dafür um so mehr Zeit. Per Anhalter will er gen Süden fahren und den Sommer genießen – auf dem Wasser. Eine reizvolle Idee, die Frage ist nur, wie kommt man als Landratte auf ein Schiff?
Erst mal wegkommen, heißt die Devise, und das wollten wir nicht dem Zufall überlassen. Am Vortag schien es so, als könnten wir bequem vom Mainzer Zollhafen starten, doch plötzlich waren von drei Schiffen, die uns mitnehmen wollten, zwei schon  durch, das dritte lag noch in Rotterdam fest. Jetzt haben wir eine Verabredung mit einem gewissen „Heinz Hofmann“, einem Schubverband der Mainschiffahrts-Genossenschaft. Der hat schon am Vorabend die Schleuse passiert, aber versprochen, auf uns zu warten. Flussaufwärts sehen wir die Positionslampen eines 180 Meter langen Monstrums. Kaum sind wir an Bord, legt das Schiff auch schon ab. Wir lernen bald: Schiffer sind Frühaufsteher und Zeit ist Geld.

Erste Zwangspause
Der Schubverband ist erst seit April in Betrieb. In unserer Kajüte fehlt es an nichts: TV, Mikrowelle, Wäschetrockner, Klimaanlage, Schlafzimmer, Küche, Bad. So luxuriös hatten wir uns das Leben an Bord nicht vorgestellt!  Doch zwei Tage später liegen wir in einer gottverlassenen  Mainschleife fest: „Heinz Hofmann“, wiewohl im richtigen Leben ein Mann in den besten Jahren – Vorstandsvorsitzender der MSG – leidet unter diversen Kinderkrankheiten: eine defekte Fäkalienpumpe und ein nicht regulierbares Gelenk zwischen den beiden Schubleichtern. Computerspezialisten und Techniker kommen an Bord. Vorerst keine Weiterfahrt. Das „Abenteuer“, die Ungewissheit, beginnt. Schiffsführer Thomas Huskitsch hat die Ruhe weg, während wir erst noch die Kunst des Wartens lernen müssen.

Ein Herz für Schiffstramper
Endlich in Würzburg angekommen, statten wir der Zentrale der Main-Schifffahrtsgenossenschaft einen Besuch ab. Dort sitzt ein Mann  mit einem großen Herz für gestrandete Tramper und Fernsehleute: Disponent Winfried Füssl. Der Besuch zahlt sich aus: Tags drauf haben wir ein neues Schiff und lernen mit Rainer Lembeck den jüngsten Schiffsführer auf dem Main kennen. Das Wetter meint es allzu gut mit uns: das Thermometer klettert auf 40 Grad. Die stählernen Ladeflächen geben die Hitze ab, darunter eine Fuhre Streusalz für den kommenden Winter. Die langsam vorbei gleitenden Landschaften täuschen uns, dies ist kein Vergnügungsdampfer. Erst kurz vor Mitternacht macht die „Aschaff“ hinter Schweinfurt für die Nacht fest, und uns wird klar: auf dem Wasser ist der Termindruck nicht anders als auf der Straße.

Fliegender Wechsel
„Carola“ ist mit ihren 50 Jahren nicht mehr die jüngste,  aber auf dem neuesten Stand der Technik: ausgerüstet mit PC und Internet, GPS, Fernseher, Radio und Telefon und unterwegs mit einer Ladung Kali nach Österreich. Mit der „Carola“ und ihrem Kapitän Wolfgang Mayer schippern wir über den Main-Donau-Kanal. Es ist wie eine kleine Kreuzfahrt durch die wunderbare Landschaft des Altmühltals. Auf dem Kanal ist es still geworden, nur noch wenige Schiffe kommen uns entgegen. Noch machen wir uns keine Sorgen, allenfalls um die Rentabilität dieser einst so umstrittenen Wasserstraße. Aber in Kelheim muss die „Carola“ ihre Ladung leichtern, denn die Pegel an der Donau sind in den letzten Tagen dramatisch gefallen. Das kann dauern und kein anderes Frachtschiff weit und breit. Beherzt funkt Wolfgang Mayer ein Passagierschiff an, das Richtung Donau strebt. Ein paar krächzende Funksprüche und das Wunder geschieht! Die „Regensburg“ dreht bei und legt sich steuerbord. Kaum bleibt genug Zeit, Rucksäcke und Kameraausrüstung zu packen und uns zu verabschieden. Auf nach Regensburg!

Regensburg: Rien ne va plus (nichts geht mehr)
Im Hafen von Regensburg liegen die Schiffe dicht an dicht. Fast alle müssen wegen Niedrigwasser ihre Fracht leichtern oder umverteilen. Das sieht gut aus -  für uns.  Aber so einfach ist Schiffstrampen dann doch nicht. Nach 8 Stunden Tingeln durch Schleuse und Hafenanlage will Tobias aufgeben. Die meisten fahren in die falsche Richtung oder bleiben in Regensburg, um auf Regen, bzw. auf höhere Pegelstände zu warten. Ein aussichtsreicher Kandidat fährt uns vor der Nase weg. Sonst nur freundliche, mitunter auch  knappe Absagen und schlecht kaschierte Ausreden.  Und warum auch sollte Trampen mit Schiffen anders sein als mit Auto oder LKW? Hatte Tobias nicht das wahre Leben kennen lernen wollen?  Als nichts mehr geht  und die Stimmung zu kippen droht, greift er zum Handy. Winfried Füssl in Würzburg ist seine und unsere letzte Hoffnung.

Ein Schiff wird kommen...
Am nächsten Tag holt uns die Ladung Kali der „Carola“ wieder ein, mittlerweile zur Hälfte umgeladen auf die „Achim“. Am Steuer steht Giselher Holzhausen, ein Käptn wie aus dem Bilderbuch, eine 2 Meter-Mischung aus Asterix und Peter Lustig. Für die Strecke zwischen Straubing und Vilshofen  holt er sich einen Lotsen an Bord, denn hier darf die Donau noch machen, was sie will. Die naturbelassene Strecke, bei Niedrigwasser das letzte Nadelöhr zwischen Nordsee und Schwarzem Meer, sorgt seit Jahren für ordentlich Zoff unter Politikern, Umweltschützern und  Binnenschiffern.
Das Echolot vermeldet mehrfach nur noch die berühmte Handbreit Wasser unter dem Kiel. Während bei den beiden Schiffsführern die Nerven blank liegen, liegen wir an Deck und lassen die Seele baumeln.

Knigge für Flussfahrer
Nach 10 Tagen an Bord kennt sich Tobias in der Bordetikette aus: Schuhe aus beim Betreten der Brücke oder der Wohnungen, vor allem die Kapitänskajüte ist „heilig“. Steht der Chef am Herd, spricht man ihn per Funk an, allenfalls durchs geöffnete Fenster. Steht der Chef am Steuerknüppel, haben sich Schiffsjunge, Steuermann oder auch die Ehefrau in regelmäßigen Abständen auf der Brücke einzufinden: der Schiffsführer will unterhalten, bisweilen auch einfach wach gehalten werden. Denn bei aller Beschaulichkeit – Binnenschiffer ist kein Job wie jeder andere. Man muss es mögen, die langen Arbeitszeiten und auch das Leben auf engstem Raum.

Ende einer Dienstfahrt
Am letzten Tag erreichen wir Passau. Tobias bleibt an Bord der „Achim“ und fährt noch weiter bis Wien. Wir können leider nicht mit,  unsere 10 Drehtage sind um und  viele Stunden Filmmaterial müssen gesichtet und dann zusammen geschnitten werden.
Es war eine wunderbar unbeschwerte Sommerreise, die Arbeit hat Spaß gemacht, trotz aller Unwägbarkeiten, trotz der Hitze und den gelegentlichen Tiefs, wenn es nicht weiterging.
Der Abschied von Tobias und dem Kapitän,  und nicht zuletzt der Abschied vom Fluss fällt uns schwer- aber Gott sei  Dank liegt Mainz ja am Rhein.

Programmtipp:

Nimm mich mit, Kapitän....
Per Anhalter auf Deutsch-lands Wasserstraßen

Eine Reportage von Ursula Höltermann

1. Januar 2007,  19:00 – 19:45 Uhr SWR-Fernsehen

Wiederholung der 30 Minuten- Reportage
8. Juli 2007, 13:15 – 13:45 Uhr  in der ARD

 


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