|
„Nimm mich mit, Kapitän....“
Per Anhalter auf Deutschlands Wasserstraßen
Im Juli begleitet ein Kamerateam des SWR einen
Schiffstramper von Mainz Richtung Passau. Nur 10
Tage haben sie Zeit. Dabei geht es gar nicht um die
Frage, ob sie ihr Ziel erreichen, denn der Weg ist
das Ziel. Für das Fernsehteam wird es eine
Entdeckung der Langsamkeit und zugleich die
Entdeckung ungewöhnlicher Perspektiven auf deutsche
Landschaften und einen Berufsstand zwischen
Wirtschaftlichkeit und Romantik.
Aller Anfang ist schwer
Es ist 4 Uhr 20 und noch dunkel, als uns der
SWR-Fahrer an der Schleuse Mainz-Kostheim aussetzt.
Tobias Frisch, ein Frankfurter Endzwanziger, gönnt
sich vor dem Einstieg ins Berufsleben einen
Abenteuerurlaub. Geld hat er keins, dafür um so mehr
Zeit. Per Anhalter will er gen Süden fahren und den
Sommer genießen – auf dem Wasser. Eine reizvolle
Idee, die Frage ist nur, wie kommt man als Landratte
auf ein Schiff?
Erst mal wegkommen, heißt die Devise, und das
wollten wir nicht dem Zufall überlassen. Am Vortag
schien es so, als könnten wir bequem vom Mainzer
Zollhafen starten, doch plötzlich waren von drei
Schiffen, die uns mitnehmen wollten, zwei schon
durch, das dritte lag noch in Rotterdam fest. Jetzt
haben wir eine Verabredung mit einem gewissen „Heinz
Hofmann“, einem Schubverband der
Mainschiffahrts-Genossenschaft. Der hat schon am
Vorabend die Schleuse passiert, aber versprochen,
auf uns zu warten. Flussaufwärts sehen wir die
Positionslampen eines 180 Meter langen Monstrums.
Kaum sind wir an Bord, legt das Schiff auch schon
ab. Wir lernen bald: Schiffer sind Frühaufsteher und
Zeit ist Geld.
Erste Zwangspause
Der Schubverband ist erst seit April in Betrieb. In
unserer Kajüte fehlt es an nichts: TV, Mikrowelle,
Wäschetrockner, Klimaanlage, Schlafzimmer, Küche,
Bad. So luxuriös hatten wir uns das Leben an Bord
nicht vorgestellt! Doch zwei Tage später liegen wir
in einer gottverlassenen Mainschleife fest: „Heinz
Hofmann“, wiewohl im richtigen Leben ein Mann in den
besten Jahren – Vorstandsvorsitzender der MSG –
leidet unter diversen Kinderkrankheiten: eine
defekte Fäkalienpumpe und ein nicht regulierbares
Gelenk zwischen den beiden Schubleichtern.
Computerspezialisten und Techniker kommen an Bord.
Vorerst keine Weiterfahrt. Das „Abenteuer“, die
Ungewissheit, beginnt. Schiffsführer Thomas
Huskitsch hat die Ruhe weg, während wir erst noch
die Kunst des Wartens lernen müssen.
Ein Herz für Schiffstramper
Endlich in Würzburg angekommen, statten wir der
Zentrale der Main-Schifffahrtsgenossenschaft einen
Besuch ab. Dort sitzt ein Mann mit einem großen
Herz für gestrandete Tramper und Fernsehleute:
Disponent Winfried Füssl. Der Besuch zahlt sich aus:
Tags drauf haben wir ein neues Schiff und lernen mit
Rainer Lembeck den jüngsten Schiffsführer auf dem
Main kennen. Das Wetter meint es allzu gut mit uns:
das Thermometer klettert auf 40 Grad. Die stählernen
Ladeflächen geben die Hitze ab, darunter eine Fuhre
Streusalz für den kommenden Winter. Die langsam
vorbei gleitenden Landschaften täuschen uns, dies
ist kein Vergnügungsdampfer. Erst kurz vor
Mitternacht macht die „Aschaff“ hinter Schweinfurt
für die Nacht fest, und uns wird klar: auf dem
Wasser ist der Termindruck nicht anders als auf der
Straße.
Fliegender Wechsel
„Carola“ ist mit ihren 50 Jahren nicht mehr die
jüngste, aber auf dem neuesten Stand der Technik:
ausgerüstet mit PC und Internet, GPS, Fernseher,
Radio und Telefon und unterwegs mit einer Ladung
Kali nach Österreich. Mit der „Carola“ und ihrem
Kapitän Wolfgang Mayer schippern wir über den
Main-Donau-Kanal. Es ist wie eine kleine Kreuzfahrt
durch die wunderbare Landschaft des Altmühltals. Auf
dem Kanal ist es still geworden, nur noch wenige
Schiffe kommen uns entgegen. Noch machen wir uns
keine Sorgen, allenfalls um die Rentabilität dieser
einst so umstrittenen Wasserstraße. Aber in Kelheim
muss die „Carola“ ihre Ladung leichtern, denn die
Pegel an der Donau sind in den letzten Tagen
dramatisch gefallen. Das kann dauern und kein
anderes Frachtschiff weit und breit. Beherzt funkt
Wolfgang Mayer ein Passagierschiff an, das Richtung
Donau strebt. Ein paar krächzende Funksprüche und
das Wunder geschieht! Die „Regensburg“ dreht bei und
legt sich steuerbord. Kaum bleibt genug Zeit,
Rucksäcke und Kameraausrüstung zu packen und uns zu
verabschieden. Auf nach Regensburg!
Regensburg: Rien ne va plus (nichts geht mehr)
Im Hafen von Regensburg liegen die Schiffe dicht an
dicht. Fast alle müssen wegen Niedrigwasser ihre
Fracht leichtern oder umverteilen. Das sieht gut aus
- für uns. Aber so einfach ist Schiffstrampen dann
doch nicht. Nach 8 Stunden Tingeln durch Schleuse
und Hafenanlage will Tobias aufgeben. Die meisten f ahren
in die falsche Richtung oder bleiben in Regensburg,
um auf Regen, bzw. auf höhere Pegelstände zu warten.
Ein aussichtsreicher Kandidat fährt uns vor der Nase
weg. Sonst nur freundliche, mitunter auch knappe
Absagen und schlecht kaschierte Ausreden. Und warum
auch sollte Trampen mit Schiffen anders sein als mit
Auto oder LKW? Hatte Tobias nicht das wahre Leben
kennen lernen wollen? Als nichts mehr geht und die
Stimmung zu kippen droht, greift er zum Handy.
Winfried Füssl in Würzburg ist seine und unsere
letzte Hoffnung.
Ein Schiff wird kommen...
Am nächsten Tag holt uns die Ladung Kali der
„Carola“ wieder ein, mittlerweile zur Hälfte
umgeladen auf die „Achim“. Am Steuer steht Giselher
Holzhausen, ein Käptn wie aus dem Bilderbuch, eine 2
Meter-Mischung aus Asterix und Peter Lustig. Für die
Strecke zwischen Straubing und Vilshofen holt er
sich einen Lotsen an Bord, denn hier darf die Donau
noch machen, was sie will. Die naturbelassene
Strecke, bei Niedrigwasser das letzte Nadelöhr
zwischen Nordsee und Schwarzem Meer, sorgt seit
Jahren für ordentlich Zoff unter Politikern,
Umweltschützern und Binnenschiffern.
Das Echolot vermeldet mehrfach nur noch die berühmte
Handbreit Wasser unter dem Kiel. Während bei den
beiden Schiffsführern die Nerven blank liegen,
liegen wir an Deck und lassen die Seele baumeln.
Knigge für Flussfahrer
Nach 10 Tagen an Bord kennt sich Tobias in der
Bordetikette aus: Schuhe aus beim Betreten der
Brücke oder der Wohnungen, vor allem die
Kapitänskajüte ist „heilig“. Steht der Chef am Herd,
spricht man ihn per Funk an, allenfalls durchs
geöffnete Fenster. Steht der Chef am Steuerknüppel,
haben sich Schiffsjunge, Steuermann oder auch die
Ehefrau in regelmäßigen Abständen auf der Brücke
einzufinden: der Schiffsführer will unterhalten,
bisweilen auch einfach wach gehalten werden. Denn
bei aller Beschaulichkeit – Binnenschiffer ist kein
Job wie jeder andere. Man muss es mögen, die langen
Arbeitszeiten und auch das Leben auf engstem Raum.
Ende einer Dienstfahrt
Am letzten Tag erreichen wir Passau. Tobias bleibt
an Bord der „Achim“ und fährt noch weiter bis Wien.
Wir können leider nicht mit, unsere 10 Drehtage
sind um und viele Stunden Filmmaterial müssen
gesichtet und dann zusammen geschnitten werden.
Es war eine wunderbar unbeschwerte Sommerreise, die
Arbeit hat Spaß gemacht, trotz aller Unwägbarkeiten,
trotz der Hitze und den gelegentlichen Tiefs, wenn
es nicht weiterging.
Der Abschied von Tobias und dem Kapitän, und nicht
zuletzt der Abschied vom Fluss fällt uns schwer-
aber Gott sei Dank liegt Mainz ja am Rhein.
Programmtipp:
Nimm mich mit, Kapitän....
Per Anhalter auf Deutsch-lands Wasserstraßen
Eine Reportage von Ursula Höltermann
1. Januar 2007, 19:00 – 19:45 Uhr SWR-Fernsehen
Wiederholung der 30 Minuten- Reportage
8. Juli 2007, 13:15 – 13:45 Uhr in der ARD
|