Flaschenpost Nr. 2
August 2007                Jahrgang 12

Im Internet entdeckt:
Trotz „noiroze“ zur „arubaito“
Erstaunlich viele deutsche Wörter haben den Sprung in andere Sprachen geschafft

Wer kennt sie nicht, die wehleidige Klage vom Niedergang der deutschen Kultursprache, die – drangsaliert und korrumpiert durch unwürdige Eindringlinge aus der Bronx oder der Internet-Seite My Space – dem Untergang geweiht sei. Der Deutsche Sprachrat hatte das Jammern satt. Statt mitzusingen im kulturpessimistischen Chor, riefen die Sprachexperten in München nun zu einer Art Revanche auf. Weltweit wurden die Menschen aufgefordert, nach aus dem Deutschen „ausgewanderten Wörtern“ Ausschau zu halten und sie nach München zu melden.
Die sportliche Attitüde des Rats hat sich ausgezahlt – sechstausendfach. So viele Wortfundmeldungen gingen aus Russland und Japan, den USA und Südafrika ein. Eine Bereicherung: Neben den bekannten Klassikern wie sauerkraut, kindergarten und weltschmerz tauchte eine Vielzahl neuer Trouvaillen auf. Das schönste Beispiel ist vielleicht der Begriff nusu kaput aus dem ostafrikanischen Kiswahili. In der Sprache bedeutet nusu so viel wie halb, kaput eben kaputt, und als Summe ergibt das: Narkose.
Das Beispiel zeigt, wie die meisten Wörter den Sprung in eine andere Sprache schaffen. Nämlich dann, wenn sich ihnen in der Fremde eine Benennungslücke öffnet, wie das die Sprachwissenschaftler nennen. Besonders oft das das Russische deutschen Wörtern linguistische Arbeitsplätze angeboten. Vom schlagbaum (Bahnschranke), über vorschmack (Hering-Vorspeise), bis zum butterbrot (Sandwisch, allerdings ohne Butter; niemand weiß, wie die Butter vom russischen butterbrot verschwunden ist).
Fast nebenbei ergab sich für die Wortsammler des Sprachrats auch ein ethnologischer Befund: Denn die ausgewanderten Wörter spiegelten just oft jenes Bild wider, das sich viele Völker von den Deutschen machen. So kanzeln Finnen gerne die besservisseri ab, wie die serbischen Schüler den streber. Ihre Hausmeister nennen die Finnen vahtimestari (von Wachtmeister), während die Japaner mit der arubaito eine Teilzeitarbeit bezeichnen, die neben dem Hauptjob verrichtet wird. Auch die japanische noiroze ist dem deutschen Seelenleben entliehen. Weniger feinfühlig sind die Engländer, die ihre Hunde bevorzugt auf Deutsch herumkommandieren: Platz! Pfui! Schmeiss!
Besonders erfolgreich waren und sind die Wörter aus dem Oktoberfest-Komplex. Kipp es! heißt auf Finnisch und in Argentinien so viel wie Prost! Das Wort gemütlichkeit bedeutet im Amerikanischen Volksfest, und wenn ein Tscheche eine runda spendiert, so bekommt jeder im Lokal was ab. Weil in Norwegen der Alkohol im Restaurant teuer ist, trifft man sich um Vortrinken, vorspiel geheißen; das nachspiel nach der Kneipe gibt es auch noch. Die Japaner bestellen ab und zu ein kirushuwassa (Kirschwasser), und wenn die Franzosen un schnaps zu viel hatten,  titulieren sie ihren Zechkumpanen schon mal mit blödman.

Eine gewisse Genugtuung kann der Sprachrat nicht verhehlen, wenn er meldet, dass es ein deutsches Wort sogar ins britische Jugendidiom geschafft hat: Statt mega heißt es in London und Liverpool nun uber. Sogar in der Computerdomäne konnten sich hiesige Ausdrücke festsetzen: Israeli nennen das @-Zeichen strudel, und die Russen sagen brandmauer für die Schutzsoftware, die neudeutsch Firewall genannt wird.
Den größten Triumph im Weststreit der Sprachen hat für uns aber das Wort Handy. Erfunden wurde es im deutschen Sprachraum, auch wenn es für unsere Ohren englisch klingt. Doch nun sind immer mehr Amerikaner zu hören, die ihr mobile auch handy nennen. Ist das nicht cool?

 

 


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